Nichts mehr da

Wie ich so durch die Stadt streife, am Wasser entlang, sehe ich dort am Ufer eine Trauerweide. Von den Sonnenstrahlen beschienen, lässt sie ihre langen biegsamen Äste, samt den Blättern einfach hängen. Sie hängen dort und streicheln sanft die Wasserobfläche. Dieser Baum ist alt, aber prächtig und majestätisch in seiner Erscheinung.
Wie ich mich mit meinen Freunden treffe, die ich lange nicht mehr gesehen habe, ist dies ein freudiges Ereignis. Alle sind sie bester Stimmung. Gelacht wird viel, manchmal bis zu den Tränen und dann man freut sich, sich mal wiederzusehen.
Wie ich meine Freundin treffe, freuen wir uns und fallen uns in die Arme. Die Wärme ist da. Sie ist da und ich erfreue mich ihres Anblicks, denn lange habe ich sie nicht gesehen und freue mich um so mehr, dass es nun wieder mehr wird. Der erste Kuss, nach langer Zeit, ist so zärtlich und wunderschön, wie der erste zwischen ihr und mir. Es kommt einem Befreiungsschlag gleich.

Doch leider ist so nicht für mich. Für mich ist wie folgt

Wie ich durch die Stadt wandel und dem Fluss entlanggehe, treffe ich dort auf diese Trauerweid. Ihr Äste und ihre Blätter hängen herab und an ihrem Umfang lässt sich erahnen, dass dieser Koloss wahrlich sehr alt ist. Eigentlich würde ich dieses natürlich Gebilde bewundern und es sogar schön finden, aber es ist nichts mehr da.
Wie ich mich mit Freunden treffe, die ich lange nicht gesehen habe, lächeln sich alle zu. Offensichtlich sind sie freudig einander zu sehen. Ich lächel auch, aber ich bin nicht erfreut. Ich lächel, weil sie es erwartet. Sonst hätte ich mich auch gefreut euch wieder zu sehen, aber es ist nichts mehr da.
Wie ich meine Freundin nach langer Zeit der Separation wieder sehen, schließen wir uns in die Arme, es ist für mich als wenn ich irgendjemand umarmen würde. Wir küssen uns und es für mich ist es als wenn ich irgendjemand küssen würde. Für mich ist nichts zwischen uns beiden und ich weiß, dass es dir anders ergeht. Aber was soll ich machen, es ist einfach nichts mehr da.

Sie sind weg. Davon geflogen in einem Moment, wo ich unachtsam war. Vermutlich sogar bei Nacht sind sie getürmt, ohne, dass ich es merkte und nun bin ich da. Ohne sie und muss zurecht kommen. Ich muss sie suchen. Wiederfinden! Sie sind nicht einfach so gegangen. Nein, sicher nicht! Sie sind geflohen, weil ich mich nicht um sie gekümmert habe. Ich habe ihnen nicht genug Aufmerksamkeit gegeben. Sie fühlten sich vernachlässigt und wollten mir vielleicht eine Lektion erteilen. Dass sie nicht auf Abruf bereitstehen, sondern, dass auch sie Zuwendung und Beachtung haben möchte. Dass auch sie mal raus gelassen werden wollen und nicht in dem stickigen und miefigen Mir versauern wollen, bis man sie vielleicht doch mal gebraucht. Nein, sie wollen auch ihr Leben genießen und etwas von der Welt sehen. Nun liegt es an mir, sie zu finden und sie zu überreden wieder zu mir zurückzukehren. Ich muss ihnen sagen, dass ich sie brauche und dass ich sie schlecht behandelt habe. Ich möchte ihnen sagen, dass ich sie gern habe und dass es mir leid tut, wie ich sie behandelt habe. Ich möchte Ihnen sagen, dass sie mir wichtig sind und ich sie vermisse.

Meine lieben Gefühle, falls ihr das hier lest, kommt bitte zu mir zurück, denn von euch ist nichts mehr da und ohne euch kann ich nicht leben. Ihr seid mir wichtig. Meldet euch bitte. Ich möchte nur wissen, dass es euch gut geht.

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10 Antworten zu Nichts mehr da

  1. Heymchen schreibt:

    Vielleicht machen Sie Urlaub – das muss manchmal sein. Auch so ganz ohne Kontakt zur Außenwelt, sogar ohne soziale Netzwerke und ständiger Erreichbarkeit und Möglichkeit zur Mitteilung. In der heutigen schnelllebigen Welt scheint das merkwürdig und falsch, doch jeder braucht ein Auszeit.

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Soziale Netzwerke nutze ich nicht. Wenn man dieses hier als Soziales Netzwerk auffassen möchte, dann schon. Ich hatte wirklich mal vor soetwas zu unternehmen, leider habe ich es noch nicht gemacht. Vermutlich wird es nun langsam mal Zeit, um zu mir selbst zu finden. Danke für den Ratschlag.

  2. Marina Kaiser schreibt:

    Eine schöne Idee, an die Gefühle einen Brief (oder auch mehrere?) zu schreiben. Ich bin sicher, die Zeilen werden von den Gefühlen aufmerksam gelesen.
    Ich schreibe auch manchmal an innere Gefühls-Aspekte von mir. Das tut mir immer gut und setzt etwas in Bewegung – auf jeden Fall ist das Schreiben an eigene Anteile ein Weg zur Intensivierung der Beziehung zu sich selbst.
    Liebe Grüße von Marina

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Ich muss gestehen, dass es während des Schreibens etwas in mir ausgelöst hat, was sicherlich auch dazu geführt hat Wunden zu lecken. Ich werde es wohl in der Zukunft intensivieren vielleicht stellt sich dadurch eine Besserung meiner Lage ein.
      Habe Dank für deine Zeilen.
      Liebe Grüße aus dem kühlen Dachgeschoss.
      Mr. W.

  3. blubby schreibt:

    Du suchst deine Gefühle… Es gibt Momente, da würde ich das auch gerne tun, aber die wollen einfach nicht verschwinden, die Mistviecher.

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Ich glaube, dass ich dich nicht so recht verstehen. Meintest du vielleicht, dass du Momente hast, wo du auf die Gefühle getrost verzichten könntest, sie sich aber immer wieder in den Vordergrund spielen, so dass man sie einfach nicht übersehen kann?

      • blubby schreibt:

        Ja, auch. Aber auch, dass es Momente gibt, in denen ich einfach von meinen Gefühlen übermannt werde und quasi gar nichts mehr tun kann, als da zu sitzen und nichts zu tun, denn jede Tätigkeit würde es noch schlimmer machen.

        • Mr. Winterschein schreibt:

          Aber hilft das Aussitzen denn? Kommst du dadurch weiter? Verschwinden dadurch deine Gefühle? Sie ergreifen die Kontrolle über dich. Wäre ein gerechtes Zusammenleben zwischen dir und deinen Gefühlen nicht erstrebenswert? Vielleicht hilft es dir, wenn du deine Gefühle in solchen Momenten aufschreibst. Sie dir von der Seele schreibst, damit sie auf dem Papier gebannt sind und von der Seele runter sind. Vielleicht könnte das helfen.

  4. blubby schreibt:

    Habe ich alles schon probiert… aufschreiben, rausschreien, nichts tun, mit anderen reden, sport als ausgleich… hilft alles nicht.

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Hm, dann muss es aber noch einen anderen Weg geben, der deiner ist. Vielleicht hilft das Malen? Oder irgendetwas anderes Kreatives, wo du deine Stimmung einfließen lassen kannst?
      Oder du musst vielleicht kombinieren? Schreib es auf und schicke es einem guten Freund.

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