Das Band

Da auf dem Boden. Zwischen ein paar Steinen und einem Ast. Dort liegt etwas. Ich strecke meine Hand danach. Wühle ein wenig  im Dreck und lege es frei. Es ist ein Band. Ein gewöhnliches Band aus Garn. Ich nehme es in die Hand. Reibe es mit den Finger. Tatsächlich ein Band. Ich sehe kein Ende. Ein Teil liegt immer noch unter Ästen und Steinen verborgen. Ich ziehe etwas dran. Ich reiße das Band zwischen dem Geröll hervor. Ich richte mich auf und ziehe. Das Band, nun straff zwischen mir und dem Boden, findet kein Ende. Ich ziehe dran und befreie es noch mehr aus dem Erdreich, in dem es geschlummert hat. Es ist nicht beschädigt, sogar in einem guten Zustand befindet es sich. Ich nehme ein wenig mehr auf und laufe eine Stück voran. Kein Ende. Es geht noch weiter. Ich wickel noch mehr auf, nun hektischer. Ich möchte das Ende finden. Ich laufe und wickel. Entreiße das Band den Wurzeln der Bäume, die sich dessen bereits bemächtigen wollten.
Wie ich so ziehe, liegt quer vor meinem Weg ein umgestürtzter Baum. Er liegt direkt auf dem Band. Ich lege das Band kurz beiseite und beginne ein Loch unter dem Baumstamm zu graben, denn er ist eindeutig zu schwer zum Heben. So grabe ich mühselig den Dreck weg, so dass ich das Band hindurch reichen kann. Dies hat gedauert und war anstrengend.
So laufe ich weiter, immer dem Band entlang.
Ganz versunken in dem Laufen und Ziehen, renne ich im Eifer gegen ein Felsen. Er ruht auf dem Band und stoppt meinen Lauf. Zum Graben ist der Boden zu hart und zum Anheben der Stein zu schwer. Ich suche mir einen anderen Stein und einen stabilen Ast und baue mir einen Hebel. Mit etwas Kraft ist dann auch dieses Hindernis aus dem Weg geräumt und ich kann meinen Lauf fortführen. Wo wohl dieses Band endet?
Den Blick auf das, im Bodenreich verborgene, Band gerichtet, blicke ich sobald in eine tiefe Kluft. Ich schaue mich um und stelle fest, dass sich die Gegend gewandelt hat. Es ist felsig und schroff. Keine Bäume und Gräser mehr, aber ich kann das Meer hören.
Doch vor mir ist diese Kluft. Bestimmt einige Baumlängen tief, aber lediglich drei Schritt breit. Ich trete ein paar Schritte zurück. Nehme meinen Mut zusammen und sprinte los, auf dieses Loch zu. Ich schaffe den Absrpung und in der Luft bin ich frei.
Mein Herz und meine Seele sind frei von all ihrem Lasten und ich atme tief durch.
Unsanft lande ich auf der anderen Seite. Rolle mich ab und verheddere mich in dem Band. Ich liege auf dem Boden und das Band ist überall. Mit zitternden Knien, aber mit einem großen Schwall Freude in mir, mache ich mich daran mich aus dem Band zu entfesseln. Ein wenig Zeit kostet es, aber ich schaffe es dann doch.
Das Salz des Meeres liegt auf meinen Lippen. Ich gehe weiter.
Auf einer Klippe, an der sich die Wellen brechen und die Gischt hochschäumt, steht jemand.
Im Schein der untergehenden Sonne steht dort jemand. In einem leichten Sommerkleid, welches vom Wind des Meeres getragen wird, steht sie dort. Die lockigen Haaren, welchem im Sonnenuntergang golden glänzen, flattern im Wind.
Ich stolper über die letzten Felsen. Bin nun etwa auf zehn Schritt herangekommen.
Das Band in meinen Händen führt weiter in die Richtung der Person und dann ins Meer?
Sie dreht sich um. Ich blicke in ein liebevolles Gesicht mit einem sehr sanftmütigen Lächeln und treuen Augen. In den Händen hält sie das Ende des Bandes.
Eine große Welle bricht sich an der Felswand und schleudert ihre Tränen empor, die das Licht in all ihren Farben bricht.

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2 Antworten zu Das Band

  1. Sherry schreibt:

    Für mich ist das tiefsinnige, klischeelose Romantik. Die Suche nach einer Seelenverwandtin, eine vorbestimmte Liebe [durch das Band] in Form von Geliebten oder tiefer Freundschaft. Ich hab’s sehr gerne gelesen. Danke …

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Sherry,
      freut mich sehr, dass es dir gefällt.
      Ich muss gestehen, dass ich über deinen ersten Satz ein wenig schmunzeln musste, da ich beim Schreiben überhaupt nicht darüber nachgedacht habe, es romantisch zu halten, ob nun tiefsinnige, klischeelos oder nicht, aber es scheint mir dann ja ohne großes nachdenken gelungen zu sein.
      Schönen Tag noch.

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