Ich Dort – Teil 2

Doch dies alles habe ich zurück gelassen und hier eine andere Zeit zu verbringen, eine vielleicht etwas freundschaftsreichere Zeit. Ming ist wirklich der einzige Mensch, den ich einen Freund nenne.
Ich stehe hier in Tokyo. Am Flughafen. Ich stehe dort und die Menschen lassen sich von dem Strom mitreißen, doch ich stehe dort. Schließe die Augen und atme ein Mal kräftig ein und aus. Ich spüre die Sonne, wie sie auf meinem Gesicht ihre wärmenden Spuren hinterlässt. Der Sound von der Radio-Musik dringt an mein Ohr und was ich dort höre, ist japanische Musik, welche von den schnellen Schritten der Menschen um mich herum zunichte gemacht wird. Der Geruch von Hot Dogs dringt an meine Nase und ich fühle mich irgendwie falsch. Nach Tokyo wollte ich, nicht nach Amerika. Diese Art von Fastfood war nicht ganz so mein Ding. Auf Sushigeruch hatte ich gewartet. Doch Fehlanzeige. Die Amerikanisierung war also auch hier vorangeschritten.
Mit meinem Trackingrucksack und meiner Umhängetasche setzte ich nun meine Reise fort.
Die Familie Tamaki wollte mich von hier abholen, was wusste ich von ihnen? Sie haben zwei Töchter. Zwillinge um genau zu sein und dann natürlich noch die Eltern. Sie wohnten nicht direkt im Zentrum von Tokyo, sondern in einem Vorort, rund 12km außerhalb von Tokyo, auf einen Hügel von dem man auf die Stadt schauen kann. Sie haben bis vor 5 Jahren in Deutschland gewohnt und können alle perfekt deutsch und sie sollen einen sehr eigenartigen Kater haben, der nur von der Mutter etwas zu fressen annimmt.
Nun stehe ich auf jeden Fall dort, wo ich man mich eigentlich abholen wollte, was meisten ja nicht heißt, dass man dort auch abgeholt wird. Allerdings heißt es in diesem Fall dort abgeholt zu werden, wo man es erwartet.
Drei Personen, welche ich von einem Bild kannte, stehen dort und halten Ausschau und zwar nach mir, welcher gerade versucht sich mit seinem Gepäck durch die Menschenmassen zu winden. Auf dem Weg zu ihnen, sehe ich rechts und links Familien oder Freunde, die ihre Liebenden freudestrahlend empfangen. Wie werden diese, mir doch völlig fremden, Personen mich empfangen. Sicherlich freundlich. Aber wieso mache ich mir deshalb Gedanken, lasse ich doch einfach mal alles auf mich zukommen.
Der Vater ist ein gut gewachsener Mann, mit extrem verengtem Blick. Aus dieser Entfernung (100m) erkenne ich keine Augen, nur Hautlappen, die an der Stelle von Augen treten und diese werden von einem schwarzen Strich in zwei geteilt. Seine Wimpern eben.
Dann waren da noch die Zwillinge. Sie sehen wirklich identisch aus. Von der Statur bis hin zur Gesichtsstruktur, allerdings erkenne ich sofort, dass sich im Wesen sehr voneinander unterscheiden. Die eine schaut sich in Ruhe um. Die andere hingegen schaut wesentlich hektischer über die Leute hinweg, als wolle sie die erste sein, die mich sieht. Außerdem hat sie eine wesentlich flippigere Frisur wie ihre Schwester, die wiederum ihr Haar zu einem simplen Pferdeschwanz zusammen gebunden hat.
An dieser Stelle prophezeie ich, dass es nicht leicht seien wird, die beiden voneinander zu unterscheiden.
Ich komme diesen drei Personen näher. Zuerst sieht, nun ob man da von „sehen“ reden kann, ist fragwürdig, aber der Vater sieht mich zuerst und seine dünnen Lippen formen ein leichtes Lächeln. Ein sehr warmes Lächeln ist dies, welches mich doch sehr beruhigt.
Ohne, dass er ein Wort sagt, erblickt mich die ruhigere von den beiden Zwillingen und auch hier wieder ein Lächeln, wenn doch ein völlig anderes, als das ihres Vaters. Hinter ihren Lippen offenbaren sich wunderbar weiße Zähne, welche dieses Lächeln sehr fröhlich und freundlich untermalen. Sie stuppst ihre Schwester an und zeigt in meine Richtung.
Ganz wild schaut sie in meine Richtung. Ihre Nuss braunen Augen springen, wie kleine Ping-Pong Bälle über die Gesichter der Menschen in meiner Umgebung. Die Entfernung beträgt immer noch gute 75m. Was die Richtungsangabe und das daraus folgenden Ersehen meiner Person angeht, ergibt sich eine gewisse Ungenauigkeit. Wie gut, dass sie an dieser Stelle an keiner statistischen Erhebung teilnimmt.
Sie schaut in meine Richtung, sichtlich aufgeregt und dann fällt ihre Mimik. Sie schaut geradezu angewidert. Zuerst bin ich etwas verunsichert und dann schaue ich mich um, denn sie schaut gar nicht direkt zu mir. Sie schaut vielmehr neben mich und da sehe ich das Entsetzen. Ein Passagier kotzt sich gerade, einige Meter hinter mir, die Seele aus dem Leib. Nur so am Rande angemerkt, er hält einen halben Hot-Dog in der Hand. Für mich ergibt sich eine logische Verkettung. Amerikanischer Hot-Dog, sprich Fastfood. Gleich. Dem Magen gefällt es nicht.
Nun denn, ich lasse den Kerl weiter vor sich her kotzen und gehe meinen Weg weiter. Ein Teil des Weges wird mir von meiner Gast-Familie abgenommen. Mit diesen Leuten werde ich die nächsten Monate verbringen mal schauen, was mich da so erwartet.

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