Gewinn und Verlust

Neu bin ich hier. Kenne niemanden und niemand kennt mich. Hergezogen aus einem fernen Land. Ein Land, dessen Kultur und Gesellschaft, anders zu der diesen ist.
So viel Neues ist hier für mich zu entdecken. Ich lerne voller Freude neue Menschen kennen, knüpfe Bekanntschaften und mache neue atemberaubende Erfahrungen.
Auf den Straßen sehe ich Dinge, wie ich sie nicht kannte. Dinge, die mich in ihren Bann ziehen und mich fesseln. Eine Straßenkünstler, der auf dem Asphalt eine Gemälde zur Schau stellt. Welches die Häuser links und rechts wiederspiegelt. Es sind schöne Häuser. Keine Hochbauten, wie sie meiner Heimat entsprungen sein könnten. Kleine Gebäude, vielleicht drei oder vier Stockwerke, reich verziert an Fenster und Giebel, sowohl auf dem Gemälde, als auch in der Wirklichkeit.
Der Weg durch die Stadt bietet bereits die ersten Neuerungen in meinem Leben. Ein anderes Eigenleben gilt es zu studieren, um mit diesem System zu atmen und sich von ihm treiben lassen zu können, ohne Furcht zu verspühren, doch frohen Mutes bin.
Gehe in die Schule. Treffe auf Menschen mit denen ich in Zukunft Kontakte pflegen werden, dessen Bekanntschaft und vielleicht sogar Freundschaft ich machen darf. Dessen Kultur und Charakter ist kennenlernen darf.
Werde vorgestellt. Sehe Gesichter, die mich mustern, mir freundlich und erwartungsvoll entgegenblicken. Stelle mich vor und sie lernen mich kennen.
Ich bekomme einen Platz zugewiesen. Die Sitzordnung ist mir fremd. Dies ist etwas Neues. Etwas erfrischendes. Ich bin gespannt, wie es sich auf mich auswirkt. Ich bin gespannt, wie diese Schule, dieses System, diese Klasse mich verändert oder wie ich ändere.
Nach der Schule resümiere ich. Habe neue Leute kennengelernt. Bin mit einigen verabredet, sie kennen zu lernen und um mir die Stadt zeigen zu lassen, um mir das Leben hier zeigen zu lassen. Ungeduldig erwarte ich den Nachmittag.
An diesem lasse ich mir zeigen, all die nennenswerten Einrichtungen. Bekomme Tipps und Tricks an die Hand gegeben, um dem Leben dieser Stadt gerecht zu werden, um einer dieser Menschen zu werden.
Am Abend so sitze ich, alleine und ich völliger Abgeschiedenheit, in meinem frischen Zimmer. Die Wände sind noch kalk weiß und verströmen noch nicht den Hauch von Geborgenheit.
Ich platziere an den Wänden Bilder. Bilder meiner Familie, Bilder meiner Freunde, Bilder meiner Schulzeit, Bilder meiner Stadt und ein Bild, der Frau, der ich mehr Zuneigung entgegenbracht, als ich es je für möglich hielt. Ein, zwei Schritte Abstand sind von Nöten um mein bebildetes Leben in Gänze zu betrachten. Eingebüßt habe ich vieles, dass wird mir bewusst. So wie ich gleich zu Bette gehen werden, so werden diese Menschen gleich erwachen und einen Tag beginnen, der für mich noch in der Zukunft liegt. Sie werden sich treffen und gemeinsam Dinge erleben, die ich ansonsten mit ihren teilen würde, doch leider befinde ich mich nicht dort, bin nicht unter ihnen, bin unter wenigen, bin unter niemanden, den ich Freund rufen würde, bin fremd, bin allein. Meine gewohnte Umgebung ist weg, wurde mir genommen, ohne das ich dies entscheiden durfte. So gehen meine Freunde bei Tagesanbruch ihrem gewohnten Ablauf nach, dessen ich ein Teil war, doch nun wurde ich entrissen aus dieser gängingen Umgebung.
Bin nicht länger meiner familiären Treffen zugeteilt, kann lediglich aus der Ferne kundschaften und Anteil nehmen. Wäre doch lieber dort, wenn meine Tante ihr Kind zur welt bringt, würde diesen Wicht kennenlernen wollen, ihm die Welt zeigen, die Welt, die ich kenne, die Welt in der er wachsen wird, die Welt, dessen Grenzen sich für mich verschoben haben.
Mein Denken erscheint mir sogleich so klein. So begrenzt und ich merke, dass es an mir liegt, was ich verliere und was ich gewinnen. Es liegt bei mir Freundschaften zu pflegen und zu hegen. Es liegt an mir mich mit dem Kind meiner Tante Bekannt zu machen. Ihm auch von der Welt außerhalb der Stadtgrenzen zu berichten. Ihm zu sagen, dass es dort Draußen noch anderen Menschen, mit ähnlichen und anderen Problemen gibt, die alle auf ihre eigene Art und Weise interessant sind und die sich auf ihrer eigene menschliche Art für einen interessieren.
Doch es liegt an einem selbst, was man daraus macht.
Ich zumindest werden nun schlafen gehen, vorher nochmal an all die schönen Dinge denken, die zurückgeblieben sind, aber nicht aus der Welt sind und meine Impressionen des heutigen Tages lasse ich auch nochmal passieren, so dass ich mich auf einen weiteren Tag mit neuen Eindrücken und Wünschen freuen kann.

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4 Antworten zu Gewinn und Verlust

  1. Kiira schreibt:

    Guten Abend, Anata, Mr. Winterschein.
    Dein Blog gefällt mir, er versprüht eine erwartungsfreudige Aura. Ich werde mal durchstöbern, sobald ich die Zeit dazu finde.
    Du schreibst sehr schön. Man wandert mit dir mit, man sieht, was du siehst, man denkt, was du denkst. Man schwebt mit dir.

    Ich kann nachvollziehen, wie es ist, etwas hinter sich zu lassen. Jedoch war für mich die Zeit auf einen Monat begrenzt. Ein Monat, der viel zu schnell vorbeiging, auch wenn ich mich nach meiner Familie, meinen Freunden sehnte.

    Lieben Gruß und eine gute Nacht,
    Kiira

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Kiira,
      danke für das Kompliment. Ich gebe mir größte Mühe meine Lese mit auf eine Reise zu nehmen. Viel Spaß beim Stöbern und ich freue mich über jeden Kommentar.
      Ich muss gestehen, dass ich noch nie ein solches Verlustgefühlt hatte. Ich habe die Geschichte einfach erdacht, daher kann ich da irgendwie nicht so mitreden.
      Liebe Grüße.
      Mr.W.

  2. Ivea schreibt:

    als ich diesen Eintrag las, wurde ich sehr nachdenklich und auch ein wenig betrübt. Bald werde ich in eine neue Stadt ziehen und das vielleicht genauso alleine wie dein Lyrisches Ich..
    Aber du hast Recht, es liegt oftmals an einem selbst, um die Verbindung zu kämpfen, die man zu seiner Vergangenheit hat.. oder jene zu zerstören, wenn es sie es nicht wert ist..
    Zumindest bin ich mir sicher, dass es zwischenmenschliche Beziehungen gibt, die so fest sind, dass das Gefühl der Verbundenheit auch dann besteht, wenn viele Meilen und auch Zeit dazwischen liegen. Soulmates never die..
    Für mich sagt diese Geschichte aus, dass man für das, was die Zeit einem nimmt immer auch etwas neues erhält und es sich lohnt, sich darauf einzulassen. Denn die Erlebnisse von heute sind die Erinnerungen von morgen und werden an neuen ganz und gar fremden Orten deine kargen Wände füllen…

    Scheinende Grüße
    Ivea

  3. Mr. Winterschein schreibt:

    Moin Ivea,
    du brauchst auf jeden Fall keine Angst haben in eine neue Stadt zu ziehen. Es ist etwas tolles! Man lernt neue Leute kennen auf die man sich natürlich einlassen muss, aber so versteift ist sicherlich niemand. Außer er sucht wirklich die Einsamkeit, aber so schätze ich dich nicht ein.
    Deinen letztens Satz finde ich im Übrigen toll, auch wenn es ein Zitat ist, zumindest der eine Teil.
    Liebe Grüße.
    Mr. W.

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