Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (1)

Einige Jahren waren ins Land gezogen. Es hatte sich verändert. Hänge wurden abgetragen und bebaut. Das menschliche Streben nach Expansion war ungebrochen. Ich allerdings war gebrochen. Mir fehlte etwas seit diesem Tag. Ich träumte immer wieder davon, wie ich sie fand. Ihren leblosen Körper. So steif und farblos. Tot war sie. Jedwedes Blut hatte ihren Körper verlassen und somit auch schlussendlich ihre Seele. Und dann dieses Lächeln auf ihren Lippen. Sie schien glücklich zu sein, wenigstens in diesem einen Moment ihres Lebens. Aber so ganz richtig ist es nicht, wenn ich sagen, dass seit diesem Tag lediglich Etwas gegangen war. Es blieb Etwas. In mir, ganz tief. In meinen Träumen spielte es auch immer wieder ein nicht unwesentlich Rolle, man könnte sogar sagen, dass es die Hauptrolle inne hatte. Dieses kleine Licht, welches ich in ihr spührte. Es wollte einfach nicht gehen. Es schien mir fast so, als wenn sie es an diesem Abend auf mich übertrug. Wusste sie, dass sie sich das Leben nehmen würde und hatte sie es mir zur Verwahrung gegeben?
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Sagen kann ich nur, dass es mich seitdem nicht mehr los lässt. Es war mir fast so, als wenn es mich verfolgen würde oder schützte es mich? Aber wovor? Ich habe bis zum jetzigen Moment nicht ausmachen können, was es ist.
Ich musste oft an ihre Beisetzung denken. Noch im Winter fand sie statt. Der Friedhof war voller Schnee. Die Grabsteinen trugen weiße Kappen und zu ihren Füßen türmte sich die weiße Pracht. Er verlieh diesem Ort eine noch kühlere Atmosphäre, als er sie schon ohnehin inne hatte.
Ihr heller Grabstein, passend zu ihrem sonstigen Auftreten, zierte ein Bild ihrer. Sie hatte kein freudiges Lächeln auf den Lippen. Ausdrucklos blickte sie die Leute an. Man konnte noch so sehr versuchen etwas in diesem Blick zu erspähen, aber dort war nichts. Die Leute, die sich zu ihrer Beisetzung eingefunden hatten, konnte man an einer Hand abzählen. Ihr Vater war gekommen. Er schien nicht wirklich traurig zu sein, mitgenommen ja, aber nicht traurig. Fast schien es, als wenn eine große Last von ihm gefallen war. Ich kannte ihn nur als gebeugt gehenden Mann, mittleren Alters, der sich nur sporadisch rasierte und zumeist in ausgewaschener Kleidung unterweg war. Doch nun ging er aufrecht, so wie es die Evolution uns bereitet hatte. Er war glatt rasiert, das Haar war sorgfältig gekämmt und er war äußerst stilvoll gekleidet. Neben ihm waren meine Eltern und ich anwesend. Und einige mir nicht bekannte Personen, aber niemand, der mir so aussah, als wäre es Yukis Mutter. Wusste sie überhaupt das ihre Tochter gestorben war? Ähm, sich das Leben genommen hatte?
Aus der Klasse war niemand anwesend. Alle taten sie so, als wenn alles in Ordnung wäre. Als wenn nichts geschehen war. Sie war zuvor auch nicht wirklich integriert gewesen, doch so viel Gleichgültigkeit hatte ich selbst diesen Menschen nicht zugetraut. Sie taten gerade so, als wenn es sie nie gegeben hätte. Auch die Lehrer schienen von nichts eine Ahnung zu haben oder wollten einfach nicht darüber sprechen. Vermutlich wussten sie nicht damit umzugehen. Aber wenn diese erwachsenen Menschen nicht wussten damit umzugehen, wie sollten wir dies denn erst lernen. Ob verdrängen und verschweigen die richtige Lösung ist, mag ich bezweifel, aber so ging es in der Schule weiter.
Nun studiere ich und bin froh unter andere Leute zu kommen, wenngleich ich gestehen muss, dass ich wohl meine gesellige Ader verloren habe. Vielleicht habe ich sie an diesem Tag eingebüßt, um nach und nach verstehen zu könne, wie sie sich gefühlt hat, doch leider hat dieser Wandel nichts zum Verständnis beigetragen. Und dieser Wandel in mir war nicht rückgängig zu machen. Irgendeine innere Kraft hielt mich in diesem Zustand, als wolle er, dass ich weiter nachforschte. Ging es Yuki vielleicht auch so?

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6 Antworten zu Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (1)

  1. SirGrinsekatze schreibt:

    Es ist wieder sehr emotionsvoll geschrieben und ich kann mich in die Worte hineinversetzen.
    Aber eine Frage bleibt mir die ganze Zeit offen, vielleicht will ich sie mir auch nicht wirklich selbst beantworten.. aus Angst vor der Wahrheit: Ist diese Geschichte wirklich wahr?

  2. SirGrinsekatze schreibt:

    Ja, ich habe den Beitrag unter der gesamten Geschichte gelesen .. ich kenne die Antwort bereits..

  3. SirGrinsekatze schreibt:

    Das ist wahr. Diese Geschichte erscheint nur im Allgemeinen sehr, sehr real.

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