Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (2)

Die Jahren waren vergangen. Die Bäume trugen erneut keine Blätter. Vermutlich erinnerten sie sich bereits nicht mehr daran, dass sie jemals welche hatten. Doch ich erinnere mich sehr genau, was hier vor Jahren passiert.
Ich durchschritt das große vergoldete Eisentor, dessen Bogen die Worte „Mögen die Toten über uns wachen und wir ihrer Gedenken“ formte.
Ich schritt die Reihen ab, wie in Reih und Glied standen sie hier. Aufrecht und straff, keiner tratt aus der Formation. Entweder weil sie tief in den Boden getrieben wurden oder weil der hohe Schnee zu ihren Füßen sie vor dem Fallen schützen. Die Grabsteine. Sie waren genau so, wie vor einigen Jahren, als wir Yuki zu Grabe trugen. Sie tragen ihre weißen Helme. Von einigen fiel ein wenig Schnee herab, vermutlich wurde es ihnen zu schwer und sie schüttelten sich unmerklich, aber ausreichend, um die Traglast zu vermindern.
Wie ich so die Reihen abschritt, auf dem Weg zu ihrem Grabstein, kam mir der Weg länger als sonst vor. So, als wenn noch einige Reihe ergänzt wurden, was natürlich blödsinn ist, aber so kam es mir vor. Oder lag es an der Schwere des Tages? Auf den Tag genau hatten wir sie beerdigt.
Es war grau mit einer kleinen Nuance grau darin, langsam schneite es, fast wie in Zeitlupe fielen die Flocken zu Boden. Sie fielen und erzeugten eine weiße Schicht auf all den Dingen, die ihren Weg kreuzten.
Ich stieg die letzten Treppen zu ihrem Grab empor, auch sie fielen mir Heute ein wenig schwerer als sonst, hatte mir wer Blei in die Schuhe gelegt? Wie ich meinen Fuß auf die letzte Stufe setzte und somit den Schnee herumwirbelte, sah ich dort, an ihrem Grab, jemanden stehen.
Ich war verwundert. Ich hatte in all den Jahren niemanden vor Ihrem Grab stehen sehen. Generell erschien es mir immer so, als wenn ich der Einzige war, der hier von Zeit zu Zeit mal vorbeikam. Vermutlich hatte sich die Person im Grab geirrt, bei diesen Witterungsverhältnissen schien dies eine plausible Erklärung zu sein. Wie ich so darüber nachdachte, entging mir nicht, dass ich immer noch auf der Treppe stand. Einen Fuß auf der letzten Stufe. Ich schaute auf meinen Schuh. Auf seiner Spitze hatte sich langsam ein Teppich aus Schnee gebildet.
Ich setzte meinen Gang fort. Schritt die letzten Meter auf sie zu. Wer mochte diese Person sein? Wie ich näher kam, erkannte ich von hinten, dass es sich hierbei um eine Frau handeln musste. Die Person trugt einen langen Rock, dessen Saum unterhalb der Knie, welche in einer wärmenden Strumhose unterschlupft gefunden hatten, endete. Sie schien dort schon eine Weile zu stehen, denn der Schnee hatte sich bereits deutlich auf ihren Schultern und der Mütze festgekrallt.
Ich ging weiter aurf sie zu. Ihr schwarzes Haar lugte unter der Mütze hervor und fiel, im scharfen Kontrast zu dem Schnee, auf ihre Schultern. Geradezu unwirklich erschien es in diesem weißen Licht, welches der Schnee relfektierte.
Ich nährte mich der Dame, sie schien bereits ende vierzig zu sein.
Ich kam näher, doch sie nahm keine Notiz von mir oder wusste sie das ich kam und musste sich deswegen nicht umdrehen?
Ich stellte mich neben sie und auch jetzt machte sie nicht den Anschein mich anzuschauen. Ich blickte auf dieses kleine Foto, welches Yuki zeigte. Unveränderlich blickte sie mich an. Ohne ein Lächeln. Ein Lächeln, welches ich auch nur ein einziges Mal sah, würde hier auch vermudlich befremdlich wirken. Hatte sie sonst niemals gelächelt? Ich legte die Blumen nieder. Es lag schon ein Strauss dort. Es waren Lilien, weiße Lilien. Ich legte meine weißen Rosen dazu. Weiß wie der Schnee. Weiß wie Yuki.
Wir kannten uns nicht, doch waren wir vereint. Vereint in dem Verlust dieser Person, die wir hier vor uns hatten. Doch ich wusste partout nicht, wer diese Frau war.
„Es ist seltsam.“ sprache die Frau neben mir plötzlich, den Blick immer noch auf das Bild gerichtet. Sie sprach freundlich und sanft mit mir. Nicht gehetzt und auch nicht so, als wenn man mit einem Fremden sprechen würde. Kannte sie mich?
„Ich habe mir dich genau so vorgestellt, wenngleich ein paar Jahre ins Land gezogen sind und du ganz ohne Frage gereift bist.“ Sie hatte sich mir so vorgestellt? Ich starrte sie mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit und Neugier an. Wer war diese Frau? Woher konnte sie sich mich vorstellen? War es möglich, dass es Yukis Mutter war.
„Wie unhöflich. Ich habe mich gar nicht vorgestellt, aber vermutlich kannst du es dir schon denken. Ich bin Yukis Mutter. Kazuko.“
Mich traf es wie ein Schlag. Ich hatte Yukis Mutter noch nie getroffen, wieso war sie nun, Heute, an diesem Tag, zu dieser Zeit hier? Wieso erst nun? Wieso nicht früher? Ich hatte so viele Fragen und wusste nicht so recht, wo ich beginnen sollte. In meinem Kopf raste es. Wieso hatte sie ihre Tochter verlassen und war erst nun zu ihre zurückgekehrt? Ich war wütend auf diese Frau, die ich nicht kannte. Wütend, weil sie nicht da war für ihre Tochter.
Sie blickte immer noch mit diesem sanften, ruhigen Ausdruck das Bild ihrer toten Tochter an.
„Findest du nicht auch, dass man die Kälte anders wahrnimmt, wenn man sie wirklich gekannt hat? Wenn man ihr nah war?“

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s