Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (3)

Man nimmt die Kälte anders wahr? Was meinte sie damit?
„Sie ist nicht mehr so tief und erstickend. Zieht einen nicht mehr so in ihren Bann. Die Winter sind einfach nicht mehr so kalt.“ Sie machte eine Pause, welche durch den Schneefall an Bedeutung gewann.
„Wie ich sie in mir trug, war es wirklich schwierig für mich. Aus mir heraus kam eine solche Kälte, eine pure Dunkelheit umfing mich. Du weißt wovon ich reden. Und wie ich sie gebahr, war es eine solche Erlösung für mich. Es klingt vermutlich grausam, aber wie soll ich es anders schildern als es wirklich war.“ Sie blickte mit gefalteten Händen auf den Grabstein.
Ich wollte was sagen, doch ich konnte nicht. Ich wollte ihr sagen, dass da nicht nur Dunkeklheit war, doch ich brachte nichts hervor. Woher wusste sie, dass ich verstand, wovon sie sprach.
Schweigend blickte ich sie an, sie blickte Yukis Bild an und das Bild blickte uns an. Ob Yuki nun über uns wachen würde? Hatte sie uns zusammengebracht? Wollte sie, dass wir uns treffen und miteinader reden oder wollte sie, dass ihre Mutter mit mir sprach und ich zuhörte?
Ich war überzeugt, dass Yuki es so wollte. Es gab keine andere Erklärung. Sie musste es für Heute und Jetzt gewollt haben und hatte uns zusammengebracht, mit welchem Ziel war allerdings ungewiss.
„Und ein halbes Jahr nachdem ich sie zur Welt gebracht hatte. Ein halbes Jahr nachdem ich der Welt diese Kälte schenkte und Yuki der Kälte dieser Welt aussetzte, musste ich einfach gehen. Ich konnte nicht mehr. Ich war nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich wurde von der Dunkelheit, die von ihr ausging, verzerrt. Innerlich, wie äußerlich. Mir ging es zusehens schlechter. Ich war in einem halben Jahr dreimal wegen Ohnmacht in Bahndlung. Dieses arme kleine Ding konnte nichts dafür. Ich war einfach nicht im Stande ihr Wärme zu geben, um sie aufzutauen. Sie war ansonsten ein so friedliches und liebes Kind. Sie lachte einen an und nuckelten an meinen Fingern. Schlief ganz in Ruhe durch und hatte immer dann hunger, wenn es dafür Zeit war. Aber von ihr ging eine solche Kälte aus, die mein Innerstes gefrohr. Bei mir verkrampfte sich alles. Meinem Mann ging es ähnlich, wenngleich es nicht eine solch starke Intensität hatte. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er sich um Yuki gekümmert hat. Ich weiß, dass es auch ihn viel gekostet hat.“ Wieder schwieg sie. Es machte den Anschein, als wenn sie diese Sachen zum ersten Mal jemanden erzählte. Sie schien die Worte wohl zu wählen, so dass kein falscher Eindruck entstand, aber es schien sich Einiges zu lösen.
„Es war schön dich kennengelernt zu haben und ich hoffe, dass wir das wiederholen können. Ich muss nun leider fort, mein Zug fährt bald.“ Die Finger ihrer rechten Hand suchten in ihrer Jackentasche nach Etwas.
„Hier meine Adresse, wenn du Lust hast, dann ruf an und komm zum Essen vorbei. Wir haben uns sicherlich noch einiges zu erzählen, zumindest habe ich dir noch einiges zu erzählen, was du wissen solltest.“ Sie reichte mir eine Visitenkarte. Ganz selbstverständlich hebte sich mein Arm und nahm die Karte entgegen. Es war mir fast so, als wenn meine Hand geführt würde. Ich bekam kein Wort heraus, aber mein Arm funktionierte einwandfrei. Nun blickte sie mir zum ersten Mal ins Gesicht. Ihre braunen Augen, die wie nasse Kastanien mich anfunkelten, diese Nase, welche der von Yuki so ähnlich war und die leuchtend roten Lippen. Ich erkannte in ihrem Gesicht die Merkmale, die sie an Yuki hatte weitergegeben. Ich hielt die Karte in den Händen, es war nun das Verbundungsgleid zwischen uns beiden.
„Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und hoffentlich bis bald.“ verabschiedete sie sich mit einem Lächeln, welches ich zuvor schon ein Mal gesehen hatte. Es war das gleiche Lächeln, welches Yuki an diesem Abend hatte. Doch hatte es hier eine vollkommen andere Bedeutung. Diese Frau würde sich nicht gleich umbringen, da war ich mir sehr sicher. Sie würde nun nach Hause fahren und sich gemütlich bei einem grünen Tee auf die Couch setzen.
Sie wandte sich zum Gehen, ich wollte etwas sagen, doch es ging nicht. Sie stapfte durch den Schnee, welcher nun an Höhe gewonnen hatte, davon. Ich blickte ihr lange hinterher, bis das Schneetreiben mir die Sicht nahm. Das Einzige, was mir hier blieb, waren ihre Spuren im Schnee. Die Stelle an der sie stand und Yukie betrachtet hatte, war wir ein Arena. Eine kreisrunde Vertiefung, die von dem inneren Kampf dieser Frau berichtete. Sie hatte ihn geführt und war siegreich vom Feld gezogen. Die Zuschauer hatten ihr applaudiert und ich, ich sah bloß zu.

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4 Antworten zu Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (3)

  1. Sherry schreibt:

    Ich warte gespannt auf die Fortsetzung. =)

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Dann will ich mal schauen, wann ich dir diese liefern kann^^. Aber sie wird bald kommen. In meinem Kopf liegt es schon wie eine Landkarte vor mir aus, nun muss ich dieses nur noch aufschreiben.
      Was denkst du denn bisher so darüber?

      • SirGrinsekatze schreibt:

        Du fragtest zwar nach Sherrys Meinung, aber ich finde die Geschichte bisher super! Sie ist emotional und fesselnd. Und sehr .. ich kann mich in die Geschichte versetzen, als ob ich direkt in der Geschichte waere. Mir gefaellt sie sehr gut!!
        Ich freue mich auch auf eine Fortsetzung!

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