Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (4)

Ich blieb noch eine Weile dort. Es hallte in mir nach. Sie kannte mich, mich und meine Erfahrungen mit Yuki. Ich fühlte. Ich fühlte die Temperatur um mich herum. Nicht kalt. Ich sehe. Ich sehe um mich und stelle fest, dass wir uns im tiefsten Winter befinden. Temperatur und Wetter passten für mein Gefühl wahrlich nicht zusammen. Ich hatte es zuvor nicht bemerkt, aber sie schien recht zu haben.
Wie viel konnte sie mir noch erzählen? Würde ich danach verstehen? Was will ich eigentlich verstehen? Ich war so verwirrt und aufgewühlt. Meine Gedanken fuhren Achterbahn und bei dieser musste es sich um eine sehr lange halten. Bisher warf diese Frau, welche wohl Yukis Mutter war, nur Fragen auf. Fragen, die ich zur Zeit eigentlich nicht haben wollte. Ich suchte nach Anworten und nicht nach Fragen. Wenn dies wirklich Yukis Absicht war, dann quälte sie mich gerade. Ich starrte ihren Grabstein an und das Bild. Dieses ausdruckslose Bild einer jungen Frau, die sich nie mitteilte. Doch hier, direkt vor ihr, beziehungsweise, direkt vor dem, was noch von ihr über war, wurde gesprochen. Über sie und was sie alles bewegte. Sie schien viel in ihrem Leben bewegt zu haben. Nein, sie schien viele in ihrem Leben bewegt zu haben.
Ich blickte auf diese Karte, welche immer noch leise in meiner rechten Hand ruhte. Die schwarze Schrift stellte ihren Namen und ihre Adresse dar. Die Zeichen schienen so fern so zu sein. Der Schnee und das Weiß der Karte bildeten keinen Kontrast und so rückte das Schwarz in weite Fern. Mir wurde schwindelig.
Ich atmete weiße schwere Wolken aus und blickte wieder hoch. Gegen den Himmel. Dieser schien sich nun aufzuhellen. Die Wolken hatten sich ausgetobt und waren weitergezogen. Strahlend blauer Himmel war zu sehen, der an Dunkelheit gewonnen hatte. Es war schon spät. Doch ich wollte mich nicht von diesem Ort lösen.
„Ich hätte dich gerne bei mir.“ sprach ich laut aus.
„Ich hätte dich so gerne bei mir.“ wiederholte ich und der Schmwerz ihres Verlustes kam in mir auf.
„Ich hätte dich so wahnsinnig gerne bei mir. Ich vermisse dich. Ich würde dich in meine Arme nehmen und niemals wieder loslassen.“ doch ich konnte sie nicht halten. Sie war mir abhanden gekommen. Ich fühlte mich ohnmächtig. Handlungsunfähig. Damals, wie heute.
Die ersten Sterne funkelten mich an, als wenn sie mir etwas sagen wollten, doch ich verstand sie nicht. Ich verstand gar nichts mehr.
Ich schaute wieder dieses Bild an. Das einzige Bild, dass ich von ihr kannte. Ich selber besaß keines. Ich hatte nur meine Erinnerungen an sie. Meine Erinnerungen, in denen sie immer wieder zum Leben erwachte. Ich weiß noch, wie sie so hinter mir saß und zuschaute, wie ich kochte. Dieser klare nichtssagende Blick. Und erst nun viel es mir wie Schuppen von den Augen. Der Blick, den sie auf diesem Bild hatte, war der Gleiche, wie jener damals in der Küche. Ich musste lachen und weinen zugleich. Dieses Bild hatte doch eine Bedeutung. Es beschrieb Yukis Blick für die Dinge, die sie interessierte. Sie blickte mich interessiert an und ich merkte es erst jetzt, Jahre später. Ich kam mir so dumm vor. Aber sie machte es Einem auch nicht einfach.

Ich rief Kazuko an. Sie war sehr erfreut über meinen Anruf, gerechnet hatte sie nämlich nicht damit, weil ich am Grab nichts sagte.
Das Telefonat war kurz, wir vereinbarten ein Treffen. Ich sollte zu ihr kommen.

Die Nacht bevor ich zu ihr fuhr, träumte ich wild.
Ich war im All und unbekleidet. So schwebte ich hier herum. Ich atmete nicht, verspührte aber auch nicht den Drang danach. Ich sah die Sterne und Planeten, wie sie Licht spendeten.
Wie ich so wohlig in dieser Leere dahin trieb, fiel mir ein Stern auf, welcher immer größer zu werden schien. Meine Sorgen und Ängste war ganz fern. Meine Gedanken Schall und Rauch. Wie er so näher kam, wurde es kühler. So kühl, dass mich zunächst eine Gänsehaut überkam. Es war ein Meteorit, der Kurs auf mich genommen hatten. Er trug einen wunderschönen Schweif hinter sich her, in dem kleine Eiskristalle zu sehen waren. Ich begann zu frieren. Der Meteorit begann zu brückeln. Felsen sprengten sich ab und trieben ziellos umher. Und nach und nach kam etwas zum Vorschein. Zunächst sah ich einen blassen Arm und dann schwarzes glattes Haar. Ich spührte meine Finger und Zehen nicht mehr. Mein Atem bildete kleine Wölkchen. Ein Gesicht war zu sehen. Es war dieses Gesicht, welches Yukis war. Es war Yuki, die aus diesem kalten Gestein gebohren wurde. Sie blickte mich an und kam auf mich zu. Die Sterne um uns schienen heller zu leuchten. Yukis nackter Körper wurde vom Mondlicht beschienen, als hätte dieser keine andere Aufgabe. Sie war es. Sie reckte die Arme in meine Richtung. Auch ich streckte meine, von Eis überzogenen, Arme ihr entgegen. Egal was es war. Ich würde sie erreichen. Wir trieben aufeinander zu. Ihr Hände umfassten mein Gesicht. Frost überzog mein Gesicht. Mein Blick wurde von Eiskristallen getrübt. Doch deutlich sah ich das rote Blut, dass ihrem Handgelenkt entronn. Auf meinen Lippen legte sich eine Schicht aus Eis. Gefroren küsste Yuki mich. Ein Schmerz durchfuhr mich, so tief und unheilvoll, dass ich aufwachte.
Es war dringend Zeit aufzubrechen.

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2 Antworten zu Mittendrin und doch nicht dabei – Nachbeben (4)

  1. Sherry schreibt:

    Manno! Ich finde das doof, dass du das so spannend machst und ich warten muss!!! >.<

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