Mittendrin und doch nicht dabei – Epizentrum (1)

Es ist eine dunkle eiskalte Nacht. Die Menschen, die noch unterwegs sind, sind dick eingepackt, so dass ihnen die Kälte nichts anhaben kann. In diesem Zustand treiben sie kleine Viehherden von weißen Wölkchen vor sich her. Die Autos verbreiten ihre heißen Ausdünstungen über die Straßen und in einem Krankhaus, in dem die Temperatur bewusst hoch gehalten wird, bekommt eine Mutter gerade ein Kind.
Unter größten Anstrengungen scheint diese Frau das Kind zu entbinden. Sie schreit und sieht erschöpft aus, doch dabei haben die Venen gerade erste eingesetzt. Müde schaut sie drein und blickt ihren Mann wehleidig an, als wenn sie ihn darum bitten würde, sie von ihrem Leid zu erlösen. Doch es ist noch nicht vorbei, genau genommen hat es gerade erst begonnen.
Unter enormen Strapazen bringt sie schlussendlich das Kind zur Welt.
Die Mutter, sichtlich erleichtert und freudig zugleich, blickt den Säugling in den Armen ihres Mannes an. Ein Schauer durchfährt sie. Ihr Mann blickt sie an und auch wenn er zuvor sehr freudig war, ist sein Blick nun doch durch irgendetwas getrübt.
Die Mutter nimmt ihr Neugeborenes an diesem Tag nicht in den Arm und der Vater schiebt es regelrecht von sich, so kommt es, dass dieser kleine Wurm, die erste Nacht außerhalb des wohlig warmen und bequemen Bauchs seiner Mutter, ganz alleine in einem kleinen Bettchen verbringen muss. Die erste Nacht, ohne besondere Zuwendung seiner Mutter. Alleine.

Der Besuch von Verwandten, um den Neuankömmling willkommen zu heißen, fallen merkwürdig aus. Voller Freude kommen sie heran, erkundigen sich nach dem Wohlbefinden und betrachten das kleine Ding in seinem Bett. Voller Freude und Neugier blicken sie das schlafende Kind an. Es schläft friedlich vor sich her. Ist gut in eine Decke gewickelt, so dass nur das kleine Gesicht hervorlugt. Die Verwandten berühren das kleine zarte Gesicht und sie ziehen sogleich die Hände zurück. Von ihrem zuvor freudigen Gesicht ist nichts mehr zu sehen, was bleibt sind verstört dreinblickende Menschen, die eiligst das Zimmer wieder unter irgendeinem Vorwand verlassen wollen.

Unter einem großen Sommergewitter gehen große Tränen des Himmels nieder, die auf die Dächer der Häuser prasseln. Niemand ist auf den Straßen, um sich diesem Trauerspiel auszusetzen. Die Straßen verwandeln sich in fließende Bächer. Das Abwassersystem ist überfordert und so werden hier und da Gullideckel hochgespühlt. Doch in einem dunklen Zimmer, welches nur von den Blitzen des Gewitters erhellt wird, steht eine Mutter in einer Decke eingewickelt vor dem Bett ihres Kleinkindes. Dieses Kind weint sich vor Angst die Seele aus dem Leib. Die Mutter steht daneben. Sie ist vollkommen apathisch und regt sich kein Stück. Sie steht neben ihrem weinenden Kind, welches den mütterlich Schutz bedarf, doch diese Mutter ist nicht in der Lage diesen zu gewähren. Ihr blick ist starr auf das Kind gerichtet, doch sie tut nichts, um die Angst von diesem Kind zu nehmen. Es blitzt.

In den Armen hält er sein Kind. Es fällt ihm nicht leicht, aber das Baby hat hunger. Zwischen Abneigung und Zuneigung hergerissen sitzt er dort mit dem Kind. Am liebsten würde er es wieder aus der Hand geben, aber zugleich möchte er ihm in den Armen halten und es niemals mehr loslassen. Sie steht in der Tür. Blickt sich die Szenerie an. Ihr rinnt eine Träne die Wange herunter und fällt leise zu Boden.
„Ich gehe.“ gibt sie von sich. Leicht scheint es ihr nicht zu fallen, aber es ist ihr ernst und erscheint ihr die einzige Möglichkeit zu sein wieder glücklich zu werden.
„Ist in Ordnung.“ gibt er von sich, ohne aufzuschauen. Er kümmert sich um das Kind in seinen Armes, welches gleich mutterlos aufwachsen muss. Sie geht. Man hört noch die Tür zugehen. Das Kind weint.

Das kleine Mädchen wird von ihrem Vater in dem Kindergarten abgegeben. Die Räume sind mit schönen Bildern der Kinder bunt geschmückt. Die Wände sind farbenfroh gestaltet, hier und dort lachen die Kleinen und tollen umher. Die Erzieherinnen kümmern sich um die Kindern und unterstützen sie in ihren Tätigkeiten. Doch ein Kind sitzt an einem Tisch und malt alleine vor sich her. Die anderen Kinder haben sich auf den Boden gesetzt und malen dort. Offenbar wird sie gemieden. Die Erzieher sprechen das Mädchen nicht an. Es wird nicht gefragt, was sie dort malt und ob sie nicht etwas anderes machen möchte. Sie malt vor sich hin. Den ganzen Tag. Die ganze Woche. Die ganze Zeit. Zumeist zeigen diese Bilder eine Familie, Vater, Kind und die Mutter. Die Mutter, die sie nicht mehr hat. Sie malt.

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