Mittendrin und doch nicht dabei – Epizentrum (2)

Sie sitzt zu Hause und hält gerade den ersten Brief ihres Lebens in den Händen. Er ist von einer Frau, die sie nicht kennt, aber mit der sie so tief verbunden ist, wie anders kaum möglich ist. Ihr Vater sagte ihr, dass es sich um ihre Mutter handelt.
Hallo Yuki, steht dort in klaren Lettern geschrieben. Sie versteht das Ganze noch nicht so recht:
vermutlich ist es gerade schwierig für dich. Ich bin deine Mutter. Ich habe dich und deinen Vater kurz nach deiner Geburt verlassen, denn ich konnte nicht bleiben. Ich hatte das Gefühl, dass ich dir nicht das geben kann, was du so nötigst gebrauchst. Nämlich Wärme. Und ich habe diesen Zustand nicht aushalten können und bin gegangen. Ich hoffe so sehr, dass es dir gut geht und dass du mich nicht hasst. Wenn du magst, kannst du mir gerne schreiben. Ich würde mich sehr darüber freuen.
In Liebe, deine Mutter.

Die Kleine verstand nicht so recht, was diese Frau ihr sagen wollte. Sie begriff einfach nicht die Worte und ihre Bedeutung. Aber sie hatte das Gefühl, dass es vielleicht ganz schön sei ihr zu antworten und so schrieb sie in ihrer kindlichen Art einen Brief zurück.

Unter dem Schatten eines großen Baums sitzt sie. Ganz alleine hockt sie dort und zeichnet. Auf ihrem Schoß liegt ein Zeichenblock. In ihrer rechten Hand schwingt sie gekonnt einen Bleistift und zeichnet. Um sie herum. Dort spielen die anderen Kinder in der Sonne. Alle tragen sie die gleich Uniform. Einheitsbrei, doch so gleich ist sie diesen Kindern nicht. Sie fällt auf? Grenzt sich ab? Zumindest ihre Haut, die doch sehr farblos ist, ist ein markantes Merkmal, welches sie von den anderen Kindern unterscheidet.
Ihre kleinen Beinchen baumeln von der Bank herunter und erreichen nicht ganz den sandigen Boden. Sie hört ein klong klong. Neben ihr kommt der Ball der anderen Kinder zum Stehen. Sie hört eilige Schritte und dann abrupte Stille. Die Sonne scheint heiß auf den Bolzplatz. Sie blickt von ihrer Zeichnung hoch. Die anderen Kinder warten in wenigen Metern Entfernung. Sie blicken verängstigt in ihre Richtung, aber kommen keinen Zentimeter näher, um sich den Ball zu holen.
„Hey, gib uns denn Ball!“ blafft sie einer der Jungs an. Sie blickt wieder auf ihre Zeichnung.
„Hörst du schlecht? Gib uns den Ball zurück!“ Sie schlägt ihren Block zu, legt den Bleistift darauf und steht auf. Sie dreht sich und geht. Eine Böe lässt ihr schwarzes glattes Haar im Sonnenlicht tanzen.

Sie hat bereits den ganzen Tag leichte Schmerzen im Unterleib. Es fühlt sich an, als würden ihre Innereien einen langsamen Walzer tanzen. An diesem Tag wird sie gewahr, dass sie zu einer Frau wird. In ihrer Unterhose befindet sich Blut.
Ein wenig verunsichert und verstört, redet sie mit der einziegen Person mit der sie über gerade solche Dinge reden kann, ihrer Mutter. Wobei reden nicht so die richtige Bezeichnung ist. Sie schreibt ihrer Mutter, mit der sie eine Briefbekanntschaft pflegt. Sie schreibt ihr, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Periode hatte und dass es nicht so schmerzhaft war, wie sie befürchtet hatte. Sie vertraut ihrer Mutter, obwohl sie sie noch nie gesehen hat. Sie weiß, dass ihre Mutter für sie da ist, auch wenn sie ihre Nähe nie gespührt hat. Sie schrieb ihr.

Weinend kam sie von der Schule. Sie vergrub ihr Gesicht in ihrem Kissen. Niemand war da, um sie zu trösten. Sie fühlte sich einsam und allein gelassen. Wieso mochte sie niemand? Wieso wollte ihr niemand nahe sein? Wieso hatte jeder angst vor ihr? Wieso war sie so? Was machte sie falsch? Musste sie sich ändern? Aber wie sollte sie dies anstellen? Sie weinte. Stundenlang. Bis keine Tränen mehr rauskamen und doch fühlte sie immer noch diesen Tiefen Schmerz in sich, der noch lange nicht leer war. Ein Schmerz, der sich so lange in ihr angesammelt hatte, dass es nur schwer vorstellbar war diese Masse wieder lsozuwerden. Diesen großen Klumpen schwarzen Schmerzes, der so ein Teil ihrer war, wie das, was die Leute vor sie fliehen lies. Sie hielt es nicht mehr aus. Niemand aus der Schule wollte etwas mit ihr zu tun haben. Mussten sie auch, wenn sie nicht wollten. Ihr Vater sprach nur das Nötigste mit ihr, doch sollte er nicht für sie da sein und ihre Mutter. Ihre Mutter hatte sie verlassen, aber sie sollte sich doch behutsam um sie kümmern, ihre Wunden heilen und zärtlich über den Kopf streicheln. Doch dies konnte sie nicht. Wieso konnte sie das nicht?
Sie schrieb ihrer Mutter, dass sie nicht mehr konnte. Dass sie keinen Sinn in ihrem Leben sah und dieses Dasein nicht länger wollte. Sie wollte auch geliebt werden und Wärme empfangen, doch gar niemand konnte ihr auch nur ein Fünkchen davon geben. Es wurde dunkel.

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4 Antworten zu Mittendrin und doch nicht dabei – Epizentrum (2)

  1. Träumerin schreibt:

    Du solltest echt Bücher schreiben… Tolle Geschichte, ich freue mich schon wieder auf die (hoffentlich folgende?) Fortsetzung 🙂

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Besser nicht, sonst müsstest du dafür bezahlen^^, aber vielleicht schreibe ich ja mal eines, aber bevor das passiert muss ich noch ganz viel lernen. Und danke für die lieben Worte, so macht das Weiterschreiben doch doppelt so viel Spaß. Es wird noch ein paar Fortsetzungen geben.

  2. apfelesserin schreibt:

    lieber mr. winterschein,

    ich möchte dir, bei meinem kleinen streifzug durchs netz mal einen lieben gruß da lassen. im moment bin ich nicht so viel da, mal sehen ob sich das demnächst mal wieder ändert. jedenfalls schön, dass du wieder fleißig geschichten schreibst.

    lg vom nachbarblog,
    apfelesserin

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Hey liebe apfelesserin,
      schön mal wieder von dir zu lesen. Ich freue mich sehr über deine Gruß. Es ist wirklich schade, dass von dir zur Zeit nicht so viel zu lesen ist.
      Ich bemühe mich stark wieder etwas mehr zu schreiben, da es mir sehr viel Spaß macht.
      Liebe Grüße zurück und pass auf die Gartenzwerge auf^^.
      Mr. W.

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