Alte Wunden

Sitze so dar und lausche den Gezeiten. Sie treiben mich umher, treiben mich von Küste zu Küste. Doch finde ich nirgends das, was ich suche. Ziellos, wie eine Stück Holz, treibe ich umher auf dem Gewässer der Menschheit. Ich schließe die Augen und werde getrieben, von diesem Wesen und im nächsten Moment, bin ich dort. An einem Ort meines Lebens, der mir einst so viel abverlangte. Hier sollte entschieden werden, ob meine Struktur, welche sowieso nicht für immer sein sollte, noch ein wenig bestehen soll. Hier hat man mir gesagt, dass das, was einen generell ereilt mich nun schon treffen wird. Es hat mich getroffen. Wie ein Schlag.
Verloren, wie ein Sandkorn in der großen Wüste, habe ich mich gefühlt. Ich bin unter ihnen, blicke in ihre Gesichter, doch bin ich anders, einzigartig und dem Untergang bestimmt. Dem unaufhaltsamen Untergang, welchen Jeden ereilt, doch mich nun schon. So plötzlich soll es sein.
Ohnmächtig werde ich getrieben von einem Fluss der Hoffnungslosigkeit, welches sich durch mein Leben windet. Winden, wie die Tränen, die sich von mir lösen. Sie lösen sich, wie meine Gedanken, die ich nicht mehr zu ordnen vermag. Sie gehen mir abhanden.
Ich weiß, dass ich nur noch so lange habe wie das Treibgut, welches zum Feuern verwendet würde, so lange würde ich noch Wärme spenden und dann ganz schnell, wäre ich kalt. Nur ein Haufen Asche wäre von mir übrig. Kohlenstoff hätte ich der Welt gegeben, doch was wäre von mir übrig? Von mir und meiner Selbst, die doch etwas ausmacht. Ist es nicht wünschenswert, wenn etwas von Einem bleibt. Wenn man der Welt eine Hinterlassenschaft geben kann. Doch was soll ich geben? Ich kann nur noch die letzte Wärme meiner selbst, der Welt spenden. Die Wärme, welche mir innewohnt. Sie geben, all denen, die ich liebe, all denen, die ich damit erreichen kann, all jenen, die mir begnen. Dem Regen zum Trotz lodere ich, fange Feuer und werde zum Leuchtfeuer, um die Nacht zu erhellen. Hell will ich leuchten und ein Mensch sein, an den man sich zurückbesinnt. Besinnen soll man sich an das Gute, wie auch dem Schlechten in mir, denn nur diese Kombination bin ich. Ich bin die Summe meiner Teilfunktion, die mich ausmachen. Es ist ausgerechnet worde, wie lange ich noch habe. Ein halbes Menschenjahr soll meine Existenz noch verweilen auf diesem Planeten und dann in den ewigen Jagdgründen eintauchen, zu meinen Vorfahren, die mir schon vorausgegangen sind, wohin auch immer. In dieser Zeit will ich den Menschen eines vermachen, nämlich die Gewissheit, dass ich sie mag, dass sie mir etwas bedeuten, dass ich sie schätze, dass ich gerne noch mehr Zeit mit ihnen verbracht hätte, doch mir dieses leider vergönnt bleibt. Daher kommt es, dass ich die verstreichende Zeit mit ihnen nutzen will. Ich will euch noch kennenlernen, euch erfahren und jedem von euch das Gefühl geben, dass jemand dar ist, der sich um euch sorgt.
Sorge habe ich nicht mehr, denn ich habe mit mir den tiefen innigen Frieden geschlossen. Ich fühle mich so frei von jedwedem Zwang, als wenn ich eine Taube im Flug wäre. Ich spühre den leisen Hauch des Windes zwischen meinen Fingern und merke, wie mein Gesicht ein lächeln formt. Ein Mienenspiel, welches sich solange nicht mehr auf und in mir manifestiert hat. Dieses ziehe ich tief in mir auf und es schafft sich ein Strom der Glückseligkeit und Zufriedenheit, welcher sich nicht mehr von mir löst, aber es löst sich zusehenst die trockende Schicht aus Ohnmacht und Trübseligkeit. Auf den letzten Metern meiner Existenz, da fühlte ich diese Vitalität, wie sie ein Athlet auf dem Höhpunkt seiner Laufbahn inne hat. Und ich habe sie auch inne im Höhepunkt meines Lebens, welcher doch so gleich, dass Ende dieses anzeigt.
Ich denke nicht daran mich nun, hier zu erlöschen und die Kälte Einzug halten zu lassen. Nein, ich hohle die Armee hervor. Kräftige Gladiatoren, welchen den Mut haben sich dem Löwen in den Weg zu stellen. Edle Ritter, welche sich schützend zwischen mir und dem Feind stellen und ich selbst, der mit Angst dem unvermeidlichen entgegentritt, doch wer nicht kämpft, hat schon verloren und so ziehe ich in eine Schlacht, bei der ich nichts zu verlieren habe und so trage ich das Lächeln an meinen Feind. Auf der Steppe treffen wir aufeinander und kreuzen die Klingen. Ich brülle und schreie. Drohgebärden fliegen umher, doch wir schüchtern uns nicht ein. In meinen Gedanken durchlaufe ich all das, was ich noch machen möchte, all das, was ich noch machen werde, denn ich werde dich besiegen, anders ist es nicht möglich.
Ein Leben wie im Bilderbuch will ich führen. Mit Frau und Kindern, die ich allesamt liebe. Schützen will ich sie, doch wie soll ich sie schützen, wenn ich mich selbst nicht bewahren kann? Und genau aus diesem Grund muss ich diese Schlacht gewinnen, um mit Recht behaupten zu können, dass ich euch behüten kann. All die Wunder der Welt möchte ich mit meinen Augen erblicken, doch wie soll dies gehen, wenn mir hier nun der Geist abhanden kommt, der diesen Körper beseelt? Also muss ich obsiegen, um zu erblicken anderes, als diese trostlose braune Graslandschaft. Und so trage ich dieses letzte Gefecht aus. In der größten Hoffnung meinem Leben einen weiteren Abschnitt hinzufügen, ein Abschnitt, in dem ich mich mit anderen Lichtern dieser Welt bekannt machen kann und wir zusammen die Fackel der Welt bilden können. Hell will ich mit euch strahlen, ein Zeichen des Lebens mit euch setzen.
Getrieben von dem Blut meines Opfers kehre ich zurück. Ich habe einen Teilsieg erstricken. Ich habe deinen Lebenssaft an meiner Klinge, doch habe ich dich nur in die Flucht geschlagen. Ich bin mir bewusst, dass du mir in dieser Zeit begegnen kannst. In dem Moment, wo ich um eine finstere Ecke biegen, erwarte ich dich, wie du mir sagst, dass es noch nicht vorbei ist.
Ich weiß dies, doch habe ich keine Furcht. Ich habe dich schon ein Mal bezwungen, nun weiß ich, wie es geht. Ich habe keine Angst mehr vor dir. Du solltest mich fürchten und so lebe ich.
Ich lebe mein Leben. Ich lebe den Teil, von dem ich annahm, dass ich ihn nie erleben würde, daher bin ich froh. Froh und Glücklich, vor Allem über die Gelegenheit weiter unter euch allen zu verweilen. Eure Bekanntschaft zu machen und sie zu vertiefen.
Denn ich habe noch ein Stück Treibgut gefunden und es entfacht, auf dass es mir lange Licht spenden wird auf meinem Weg, wie auch immer dieser ausschaut. Ich lebe, mit und unter euch!

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2 Antworten zu Alte Wunden

  1. Sherry schreibt:

    Ich danke dir, dass du das hier mit uns geteilt hast. Ich verstehe die Fragilität des Lebens nicht. Ich kann sie nicht fassen und ich bin immer wieder erschüttert, denn ich habe schon so viele gehen sehen …

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Gerne doch, vorallem gerne doch, wenn man durch eine Winzigkeit dazu angeregt wird. Du verstehst die Fragilität des Lebens nicht. Hm, was gibt es da zu verstehen? Es kann leider sehr viel schneller passieren, als man sich bewusst ist. Ein Schnupfen oder besser noch eien Grippe zeigen einem doch immer wie fragil unser Dasein ist, des Wegen lohnt es sich durchaus jeden Tag zu leben und zu genießen. Verschwenden keinen Tag, denn es könnte deiner letzter sein, solche Sätze klingen immer furchtbar und ich stimme ihnen auch nur bedingt zu. Man sollte jeden Tag Leben, aber wie das genau ausschaut, ist doch jedem selbst überlassen. Man muss nicht immer Aktion fahren, einfach mal auf der Couch liegen ist doch auch etwas feines^^. Daher sollte man alles ganz sachte angehen lassen und es einfach genießen mit allem was dazu gehört. Aber vielleicht ist es auch ganz gut und sogar schön, dass du die Instabilität des Seins nicht hinterschauen kannst, vielleicht kann ich es auch nicht, habe mir so darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich bin nur Teil dessen, was vergeht. Und ich war schon sehr dicht dran.
      Hab Dank für deinen Kommentar.

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