Mittendrin und doch nicht dabei – Epilog (2)

Wie ich so die Treppe empor stieg, war ich leicht verwirrt. Ich befand mich auf dem Dach des Hauses. Aber es war nicht kalt. Wie ich schnell feststellte, war hier ein Glasdach errichtet worden. Der Schnee rutschte zu beiden Seiten herunter und türmte sich dort fachgerecht. Die gläserne Hülle bot einem einen ganz besonderen Blick auf den nächtlichen Himmel, mit all seinen Lichtinstellationen. Ich schaute mich hier um. Es war alles wie ein kleiner Zen-Garten angelegt. Ein kleiner Fluss war hier, der sich wie eine Schlange einmal im Inneren der glasigen Behausung herumwandt. Einige Pflanzen waren zur Zierde angebracht und in mitten der ganzen Szenerie befand sich eine Bank. Eine Bank, welche nicht verlassen war. Es saß dort jemand und blickte zum Himmel. Ich ging leise zu ihr rüber. Die Holzdielen unter meinen blanken Füßen knarrten leise. Sie hätte mich bemerkt, wäre sie nicht so tief in Gedanken gewesen. Gedanken, die so fern waren, wie die Sterne, die sie betrachtete.
Wie ich neben ihr stand und ebenfalls gegen Himmel blickte, fragte sie mich, als stände ich schon eine ganze Weile dort:
„Willst du dich nicht setzen?“ Ich tat, wie ich gefragte wurde und nahm Platz. Die Holzbank war schlicht. Es waren zwei massive breite Füße an den Seiten und eine noch massivere Platte als Sitzmöglichkeit. Das Holz fühlte sich schön an, als sei es erst vor kurzem bearbeitet worden. Unverwand blickte Ai immer noch oben.
Ihre kleine Stupsnase reckte sich aufwärts, wie die Schnauze eines startenden Flugzeugs. Sie sah ein wenig zerzaust aus. Ihre Haare wirkten wie ein Vogelnest, welches gerade frisch zusammengesteckt wurde. Sie schien auch aus dem Bett gekrochen zu sein, weil ihre Gedanken ein nächtlich Schauspiel veranstaltet hätten und sie nicht schlafen ließen.
„Ich habe schlecht geträumt, konnte nicht wieder einschlafen und bin hier hochgekommen, um nachzudenken.“ teilte sie mir mit, ohne den Blick abzuwenden.
„Und worüber denkst du nach?“ fragte ich sie. Ich blickte sie an. Ihr Profil erinnerte mich sehr stark an das von Yuki. Nuancen waren anders, aber sie waren so fein, dass jemand der sie nicht kannte, diese leicht übersehen konnte. Doch ich war mir ganz sicher, dass ich hier Ai vor mir sitzen hatte. Ich kannte sie noch nicht lange und doch hatte sie schon Einzug in meine Träume gefunden, hatte sie den Platz von Yuki übernommen?
„Über meine Mutter und ihre andere Tochter.“ kleine Fältchen bildeten sich zwischen ihren Augenbrauen. „Weißt du, ich wollte sie früher immer kennenlernen, doch meine Mutter wollte es nicht. Sie gab mir nie eine Antwort, wieso nicht, aber nun habe ich sie und frage mich, ob ein Mensch wirklich so sein kann? Kann ein Mensch wirklich so sein, dass anderen in seiner Nähe unbehaglich werden? Ich weiß immer noch nicht, ob ich sie nicht hätte doch treffen sollen. Ich hatte die Adresse. Schließlich schickte meine Mutter ihr immer wieder Briefe. Doch ich habe mich nie getraut, weil meine Mutter es mir verboten hatte. Hätte ich sie treffen sollen?“ und bei diesen letzten Worten blickte sie mich fragend an. Ihre strahlend grünen Augen schienen sehr wach zu sein.
„Ich kann es dir nicht sagen, aber ich vermute mal, dass es so besser war. Wie hättest du dich als abgestoßen Kind gefühlt, wenn dann dort, Jahre später, deine Halbschwester aufgetaucht wäre. Ein Zeichen dafür, dass deine eigene Mutter dich nicht lieben kann, aber andere Menschen. Wie bitter wäre dies wohl gewesen? Ich weiß nicht, ob deine Mutter dich jemals ihr gegenüber erwähnt hat.“ es war alles sehr verwirrend.
„Hm…“ sie wirkte recht nachdenklich. „vermutlich hast du nicht ganz unrecht. Ich hätte mich vermutlich nicht gerade gefreut.“ Sie überlegte noch eine Weile und sprach dann wieder: „Und eine Sache, die ich auch nicht verstehe, wieso konntest du es gerade ertragen?“
„Ich weiß es nicht.“ gab ich wahrheitsgemäß von mir. „Vermutlich befriedigt dich diese Antwort nicht gerade, aber ich weiß es nicht. Aber ich könnte einige Vermutungen aufstellen.“
„Bitte, nur zu.“ forderte sie mich, mit ihren roten Lippen, auf.
„Ich war jemand, der sehr zufrieden mit sich und der Welt war. Ich hatte nichts an mir auszusetzen. Ich war zufrieden wie mein Leben verlief. Habe nicht an den Dingen gezweifelt und alle so akzeptiert, wie es ist. Wieso sollte ich auch Menschen ändern wollen? Jeder ist einzigartig und soll sich seine Individualität bewahren. Und an dieser Stelle setzt meine Vermutung an. Ich glaube, dass andere Menschen und ich mittlerweile auch, viel Zweifeln und viele Dinge, die ihnen fremd sind, nicht akzeptieren und Angst vor diesen Dingen haben, sie ändern wollen und vielleicht war Yuki eine Katalysator um diese Sorgen und Ängste empor zu spühlen und den Menschen bewusst zu machen. Schmerhaft bewusst. Wer setzt sich schon gerne mit seinen Ängsten auseinander? Niemand! Also haben sie Yuki gemieden, weil sie sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen wollten.“ Ich endete meinen Erklärungsversuch. Ai dachte einige Zeit darüber nach. In ihren Augen sah ich, wie die Gedanken kreisten und sich versuchten zu ordnen. Als alles seinen Platz zu haben schien, blickte sie mir in die Augen.
Sie sagte nichts und schaute mich an. Diese Augen hatten eine beruhigenden Wirkung auf mich. Es war für mich nicht unangenehm diesem Blick standzuhalten. Eher wollte ich noch viel mehr davon. Ruhe kehrte in mir ein. Die Zweifel, welche mich die letzten Jahre geprägt hatten, schienen davon zu gleiten. Sich leise aus dem Staub zu machen und mich nicht mehr zu behelligen. Das Vermächtnis, welches Yuki mir hinterlassen hatte, war verschwunden. Ich fühlte mich so leicht. So frei. Dieser leichte Leuchten in der Finsternis, die Yuki umhüllt hatte, war ich selbst gewesen. Ich habe durch ihren Tod mich selbst vergessen, doch dabei lag ich direkt vor mir. Ich hatte nur in Zweifeln, Ängsten und trauer gelebt, doch nun wusste ich, wie es sich alles verhielt und in mir kehrte wieder der Friede ein.
Wir blickten uns immer noch an. Ich hatte das Gefühl Yuki anzuschauen, doch wenn ich in diese Augen sah, welche wie eine saftige Wiese vor mir lagen, dann wusste ich, dass es sich hier um einen anderen Menschen handelt. Einen Menschen, mit dem noch nicht alles geklärt war, aber sich noch vieles klären ließ.
Über uns war der Himmel so unendlich weit. Die Nacht hatte einen besonderen Reiz mit all seinen Sternen am Himmel. Doch einer wieder Sterne flackerte noch ein letztes Mal zum Abschied und verblasst dann langsam, wenngleich man sich immer an ihn erinnern würde, denn schließlich hat er uns geleitet bis zu diesem Punkt, an dem sich die Wege kreuzen.

Ende

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4 Antworten zu Mittendrin und doch nicht dabei – Epilog (2)

  1. Sherry schreibt:

    Hm, irgendwie mag ich das nicht, dass er sich in Ai verliebt. Ich hänge noch immer an der unglücklichen Yuki, und ich habe noch immer das Gefühl, dass sie zuschaut. Mir bricht es das Herz, wie schnell er sich von ihrer Schwester, die eh schon alles bekommen hat, während Yuki nichts bekommen hat, beeindrucken lässt. =(

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Hey Sherry,
      das ist ja mal eine geile Interpretation der Lage^^. Ich muss gestehen, dass das für mich nie im Raum stand. Im meinem Kopf schätzt er sie nur. Aber vermutlich habe ich das nicht deutlich genug beschildert. Ich habe sowieso nochmal vor einiges zu überarbeiten. Mal gucken, ob ich es hinbekommen, dies klarer rauszustellen. Aber habe Dank für deine Rückmeldung.
      Schönen Sonntag noch.
      Mr. W.

      • Sherry schreibt:

        Ja, ich alte Romantikerin. Ich möchte einfach (in meinem Kopf), dass man Yuki wieder etwas/jemanden weg nimmt. Ich will erstmal endlich erfahren, warum sie war, wie sie war. Vielleicht hat sie Menschen zu klar und zu direkt angesehen, so dass sie Angst vor ihren eigenen Zweifeln und Schwächen bekommen haben, bzw. das Gefühl hatten, völlig nackt zu sein. Wer weiß, wer weiß …

        • Mr. Winterschein schreibt:

          Hm, vielen Dank für deine Anregungen. Wenn ich die Geschichte überarbeiten werden, werden sie sicherlich Einzug finden. Nun wo du es sagst, fällt mir selber dieser Aspekt des warum war sie, wie sie war auf, dass ich vollkommen vergessen habe ihn auszuschmücken.

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