Ein letztes Mal

Wir stehen hier. Unter der gleißenden Sonne des Ostens stehen wir inmitten des saftigen Grüns. Alles um uns strahlt in den prächtigsten Farben. Das Gras, welches unter unseren Füßen wächst, kann nicht mit Worten beschrieben werden. Es wäre eine Untertreibung. In Saftigkeit und Frische entspricht es keinem Grünton, der bekannt ist. Die Bäume halten ihre Äste schützend über den Boden, wie Schirme schützen sie vor der Sonne. Und doch fällt das Licht auf uns. Irgendwo in weiter Ferne hören wir das Gebrüll eines Wasserfalls, wo das blaue Gold in die Tiefe stürzt. Die Blätter rascheln im Wind der Zeit und ihre Schatten huschen über unsere Gesichter, offenbart gute, wie auch schlecht Zeiten.
Du stehst vor mir in einem weißen luftigen Kleid, welches dem Hauch der Natur kein Hindernis bietet und ihn deine Haut küssen lässt. Die Hände vor der Brust zu einem Gebet verschränkst blickst du mich lächelnd an. Die Rosen um uns leuchten im kräftigesten Ton der Liebe. Sie strahlen so sehr, wie ich, wenn ich dich erblicke. Dein goldblondes Haar entfaltet sich trotz seiner Locken im Wind der Gezeiten und erzählt von längst vergangen Tagen, in denen ich dir durchs Haar fuhr. In deinem Blick, welcher strahlenden nicht sein könnte, entsendest du so viel Wärme für mich, die die Sonne mir nie entgegengebracht hat. In mir wird ein Speicher gefühlt, von dem ich noch lange zehren muss.
Der Wind nimmt zu und deutet den Wandel an. Ein Wandel so unaufhaltsam wie der Wechsel der Jahreszeiten und doch weniger prächtig.
So bringt er uns einen Sturm der Gefühle, in dessen Mitte wir uns befinden. Die ersten Tropfen gleiten hinab auf uns. Wir blicken empor und erahnen die Dinge, die dort kommen werden. In dunklen Wattebäuschen kommt der Wandel daher und versucht uns das zu nehmen, was wir einander geben.
Wir schauen wieder einander an. Deine Haare sind getränkt von der Nässe der Zukunft, welche wie ein Schleier zwischen uns liegt und doch kann ich es sehen. Nicht bloß der Regen rinnt über dein Gesicht, nein auch die Tränen, die den Blick in das Bevorstehende eröffnen.
Ein Windstoß umfängt uns und lässt dich deine Augen schließen. Doch ich möchte noch ein letztes mal in die Tore deiner Seele blicken, um mich zu vergewissen, dass wir wirklich waren. Ein letztes Mal möchte ich dich fühlen, deine Haut, welche so weich und zart ist, wie der rote Samt unserer Zuneigung. Ich schwimme im Sturm des Wandels zu dir und schlage meine Arme schützend um dich. Durchnässt zeichnen sich die Hügel deiner Weiblichkeit unter dem Kleid ab und lassen mich deine Vollkommenheit ein letztes Mal erblicken. Wie ich dich halte, wird mir die Vergänglichkeit unseres Seins bewusst. Ich will dir in die Augen blicken, um ein letztes Mal im Hier und Jetzt zu Leben und das mit dir.
Doch, wie der Gedanke meinen Kopf durchstreift, entgleitest du mir. Davongeschwämmt und hinausgetragen in die weiten der Welt bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als dir ein letztes Mal zu winken und die Gedanken an dich bis in alle Zeit zu bewahren und somit der Vergänglichkeit zu trotzen.

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8 Antworten zu Ein letztes Mal

  1. Kiira schreibt:

    Wow.
    Das ist mit Abstand das Schönste, was ich von dir gelesen habe. Du setzt das bildliche Beschreiben sehr gut um. Einige kleine Anmerkungen habe ich trotzdem:
    – „Das Gras, welches unter unseren Füßen wächst, kann nicht mit Worten beschrieben werden. Es wäre eine Untertreibung. In Saftigkeit und Frische entspricht es keinem Grünton, der bekannt ist. “ Hier störte mich ‚es wäre eine Untertreibung‘ im Redefluss. Das lese ich so oft irgendwo, wenn man etwas beschreiben möchte. Und es gefällt mir nicht sehr..
    – „Du stehst vor mir in einem weißen luftigen Kleid, welches dem Hauch der Natur kein Hindernis bietet und ihn deine Haut küssen lässt. “ Das Bild finde ich wunderschön. Besonders der Ausdruck mit dem Küssen.
    Was mir so gut an deiner Beschreibung gefällt? Wie schön harmonisch alles ist, wie man sich alles gut vorstellen kann, wie man mitten im Bild ist, und dann, wie man es miterleben kann, wie es sich ändert und wie man selber mit dem erzählenden Ich weiß, was kommen wird,…

    Gruß, Kiira

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Kiira,
      Weißt du eigentlich, dass du mich gerade wahnsinnig bauchpinselst?^^ Hab besten Dank für deinen Kommentar.
      – Die Sache mit der Untertreibung war auch für mich eine kleine Hürde und ich habe auch mit mir gehardert es drin zu lassen oder nicht. Ich weiß nicht so recht, wieso ich es dringelassen habe, aber es ist nun mal da. Ich werde mir darüber noch ein paar Gedanken machen und wenn ich mich entschieden habe, werde ich es dir mitteilen.
      -Mich freut es sehr, dass dir diese Stelle gefällt, auch ich fand sie ziemlich schön, als sie mir einfiel^^.
      Es freut mich sehr, dass du dich so in die Geschichte hineinversetzen kannst bzw. ich so schreibe, dass du das kannst^^. hab besten Dank für die lieben Worte.
      Schönen Tag noch und liebe Grüße.
      Mr. W.

      • Kiira schreibt:

        N’Abend, Mr. W. 🙂
        „Bauchpinseln“, dieses lustig, schöne Wort habe ich ja noch nie gehört. Ich nehme an, es geht in die Richtung „loben“? *zwinker*
        Hm. Interessant, dass du an dieser Stelle mit „Untertreibung“ gehadert hast. Ich fände es spannend zu erfahren, warum du es doch drinnen ließest.

        Liebe Grüße,
        Kiira

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