Aufwiedersehen (1)

Kapitel 0

„Sanji! Sanji, guck mal!“ flötete es zu mir herüber. Ich schaute mich um, und erblickte Nami, wie sie stolz vor ihrer Sandburg saß. Ich ging rüber zu ihr.
„Wow, die ist aber groß!“ staunte ich ganz wahrheitsgemäß. Wirklich, sie hatte hier eine riesige Sandburg gebaut, mit all den kleinen Türmchen. Sie hatte sich sogar die Mühe gemacht und auf den Zinnen kleine Sandhäufchen gemacht, die die wachen waren. Sie zeigte mir alles haargenau. In ihrer Phantasie gab es dort Platz für Pferde und Menschen. Obststände ja, sogar ein ganzer Markt sollte im Inneren des Hofes Platz finden.
„Und dort gehen wir dann jeden Morgen zusammen Einkaufen. Frisches Obst und Gemüse. Fisch und vielleicht sogar manchmal Fleisch kaufen wir dann dort ein. Und hier …“ sie deutete auf das größte Gebäude der Sandburg „werden wir wohnen. Es wird ganz tolle bunte Fenster haben, die uns Geschichten erzählen.“ In ihren kleinen dunkelbraunen Augen konnte man ihre Erzählungen verfolgen. Man sah geradezu, wie es Gestalt annahm, und sich der Realität annahm.
„Und wenn ein böser Drache kommt, um dich wegzunehmen, dann komme ich und werde ihn kaputt machen und dich befreien.“ sagte ich ganz stolz und siegessicher. Nami lächelte und der Wind, der über den Spielplatz zog, wie eine Herde Pferde, wirbelte ihr kinnlanges schwarzes Haar umher.

Kapitel 1

Ich bin wach. Ich habe gerade geträumt und so denke ich an das geträumte. Doch ist es kein Traum. Es ist eine Erinnerung. Eine Erinnerung an eine Zeit, die lange zurück liegt. Gesagtes, was niemals Realität wird. Eine Realität, die so jäh endet.
Ich bin umgezogen. In eine neue Stadt. Eine Stadt, in der ich niemanden kenne. Und in der mich niemand kennt. Hier kann ich einen Neuanfang starten. Das Vergangene hinter mich lassen. Es ist zu viel geschehen, als das ich dort bleiben könnte. Die Gesichter weiterhin sehen. Wie sie mich bedauernswert betrachten, als sei ich ein Tiger, welcher Gefangen in seinem Käfig auf und ab geht, ohne auch nur die Chance auf Befreiung.
Hier, an diesem Ort, kennt mich niemand. Ich kenne sie auch nicht. Ich bin wie ein Blatt, welches vom Baum fällt und so falle ich in ihre Mitte.
„Begrüßt bitte euren neuen Mitschüler.“ leiert der Klassenlehr, es klingt, wie von einer alten Kassette, die man nicht sonderlich gut in Schuss gehalten hat.
Hinter mir an der grünen Tafel steht mein Name in großen Lettern geschrieben. Die weiße Magnesiumoxid brökelt leicht von der Tafel ab und hinterlässt blasse Zeichen meiner Selbst. Das Pult zu meiner rechten ziert die Klassenliste und ganz unten wurde mein Name ergänzt. Er steht dort, nicht gedruckt, sondern in Handschrift. Erhalte ich somit etwas Persönliches oder gestaltet sich dadurch schon eine Außenseiterrolle meiner Person heraus? Als „der Neue“ werden sie mich sicherlich in ihren Köpfen speichern. Mein Name? Für sie Schall und Rauch. Haben sie doch ihre Gruppen, in denen sie sich geborgen fühlen, wieso einen unbekannten Eindringling hinzufügen?
Die Fenster zu meiner rechten gebieten den Blick auf den Sportplatz, welcher gerade von einigen Klassen genutzt wird. Man sieht die Schüler über den Platz rennen, als sei der Teufel hinter ihnen.
Und vor mir. Wie an einem Lineal gerade gezogen stehen die Tische in Reih und Glied. Alle zeigen sie nach Vorne und die Personen blicken zu mir. Ihre Augen sind auf mich gerichtet und in ihren Köpfen bilden sich bereits erste Erwartungen meiner Person, welche vermutlich nicht zutreffen werden. Ich blicke in ihre Gesichter. Schwarze Haare zieren zumeist ihre Köpfe. Ihre Augen, zumeist verschlafen und desinteressiert, blicken im Raum umher und primär auf mich.
Dann sehe ich sie dort. Schwarz glänzend ist ihr Haar. So lang, als hätte sie es Jahr um Jahr wachsen lassen. Die Augen so grün, wie die saftigen Wiesen Neuseelands, halten sie mir eine Weite und Unergründlichkeit entgegen. Und dann unterhalb des linken Auges diese drei Muttermale, die so aussehen, als würde dort schwarze Tinte die Tränen ersetzen. Ich blicke hier in das Angesicht eines Menschen, den ich zurückgelassen habe. Mir läuft es kalt den Rücken runter. Dieser Schauer umfasst mich und zieht mich hinab in die Tiefe und lässt mich dort. Es kann nicht wahr sein. Es muss eine Einbildung sein. Ich schließe die Augen und öffne sie erneut. Immer noch! Sie sitzt dort und blickt mich mit einer ernsthaften Miene an. Strenge liegt in ihrem Gesicht. Ein emotionslose Gesicht blickt mich an, wie ich es nicht gewohnt bin. Anders sah es aus, zumindest das letzte Mal. Gelächelt hast du, jedes Mal, wenn wir uns trafen. Doch nun blickst du mich so an, als sei ich an allem Schuld. Ich sehe wie sich ihre Lippen bewegen. Ich verstehe nichts. Bin gelähmt und gefang in meinen eigenen Gedanken. Ich sehe, wie sich der Blick der anderen verändert. Sie schauen misstrauisch und belustigt, manchen liegt ein Grinsen zu Grunde. Ich werde an der Schulter gepackt. Reflexartig greife ich die Hand, verdrehe sie und schaue meinem Feind ins Gesicht. Es ist der Lehrer.
Erschrocken von meinen eigenen Verhalten lasse ich die Hand los. Sein schmerzverzerrtes Gesicht entspannt sich leicht wieder, wie die Muskulatur nach der Anspannung. Er reibt sich das Handgelenk und ich entschuldige mich vielmals. Er bittet mich mürrisch platz zunehmen und so setze ich mich auf den letzten freien Sitz. Hinten in der Ecke am Fenster.
Wie ich so durch ihrer Reihen schreite, werfe ich noch einen Blick zu ihr. Sie schaut mich nicht an. Nicht so wie die Anderen, die mir sogar, wenn ich an ihnen vorbeischreite, auszuweichen scheinen. Dies ist der bestmöglich Eindruck, welchen ich hier hinterlassen konnte. Aber dies ist nun egal. Viel wichtiger ist. Wie kann es sein, dass sie hier ist? Ist sie es? Kann nicht sein!

Kapitel 2

Die Nonne hält sie fest und schlägt das kleine Kind. Sie mag vielleicht vier Jahre zählen und doch quängelt es noch, als sei es keine zwei Jahre alt. Es schreit und weint und wünscht sich nichts sehnlicher als zu seiner Mutter zu gehen. Doch die Nonne lässt sie nicht. Sie wütet und tobt, wie ein Sturm übers Meer und mit einer fegenden Bewegung versetzt ihr die Nonne eine Backpfeife, die halt als sei sie in einen riesigen leeren Raum. Das Mädchen ist versteinert. Sie blickt entsetzt zu Boden und hält sich die Wange. Es schmerzt und ist warm. Soviel Wärme hat das Kind noch nie vernommen, zumindest kann es sich nicht daran erinnern.
„Du hast keine Mutter!“ brüllte die Nonne sie an und zieht das Kind widerstandslos hinter sich her.

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2 Antworten zu Aufwiedersehen (1)

  1. selbst verfasst, Herr Winterschein?

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