Aufwiedersehen (2)

Kapitel 3

Ich kann fliehen. Fliehen vor den Gezeiten, welche sich schwankend heben und senken und doch keinen Eindruck hinterlassen. Ich kann fliehen vor den Gesichtern der Menschen, die mich betrachten. Sie bedauern mich. Sie sagen es nicht, doch tue ich ihnen Leid, man sieht es ihnen an, wie man es sieht, wenn es Tieren schlecht geht. Ihr Leid, welches sie meinen zu haben, ist genauso wenig vorhanden, wie der brütende Vogel zur Winterzeit. Doch ich bin es Leid. Ich bin es Leid sie zu sehen. Ihre Masken, die sie tragen, wenn sie mir entgegentreten, wenn sie meinen durch ihre Anwesenheit Beistand zu geben. Doch sie bewerkstelligen nur eines damit. Meine Abscheu ihnen gegenüber. Ich verabscheue sie so sehr für ihr geheucheltes Gefühl der Anteilnahme. Die Suche nach der Echtheit ihrer Teilnahme ist zu vergleichen mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sinnlos. Und so fliehe ich vor ihnen und ihrem falschen Gerede, welches mich infiziert und krank macht, wie die Nadel eines AIDS kranken Fixers.
Sie meinen erahnen zu können, was es bedeutet gestorben zu sein und von den Toten am vierten Tage auferstanden zu sein, wie Jesus einst. Sie titulieren es als Wunder, doch sie vergessen etwas. Etwas Elementares. Ich bin gestorben! Ein Teil meiner Seele hat den Weg in meinen Leib nicht zurückgefunden und wurde von den Shinigami in Obhut genommen. Meine Seele ist geteilt, zerrissen und gespalten und dadurch verbunden mit dem Reich der Toten. Und bis in alle Ewigkeit werde ich es spüren auch ohne die Fratzen der Menschen, die meinen ich sei ein Wunder. Und so stelle ich fest, dass ich nicht fliehen kann. Wie ein Vogel, der den Winden nichts entgegenzusetzen hat und im sicheren Geäst eines Baumes Zuflucht findet, kann ich nicht vor dem fliehen, was geschehen ist. Doch leider habe ich keinen Baum, welcher mir Schutz bietet. Ich habe keinen Schutz vor den Menschen, die mich bedauern und bewundern. Ich habe keinen Schutz vor den Dinge, die waren und so bin ich dem Gewitter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wieso nur? Wieso bin ich nicht gestorben? Stattdessen wandel ich hier auf Erden. Antriebslos. Mutlos. Kraftlos. Jedweder Sinn wurde mir genommen und entrissen. Ich bin zurückgeblieben, wie das Treibgut eines Schiffunglücks und wie eben dieses werde ich nur vom Wandel der Gezeiten umhergeschoben, ohne Ziel und ohne Heimat.

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6 Antworten zu Aufwiedersehen (2)

  1. Dein Schreibstil gefällt mir außerordentlich. Chapeau!
    Aber die Thematik ist nicht so meine….

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Danke für das Kompliment. Hm, das ist natürlich schade, aber nicht zu ändern. Jeder hat seinen Geschmack und das ist auch gut so. ich hoffe trotzdem sehr, dass du hier dennoch so das ein oder Geschreibsel finden wirst, dass dir zusagt^^. Ich freue mich von dir zu hören.
      Liebe Grüße.
      Mr. W.

      • Sehr gerne lese ich bei dir, Herr Winterschein. Nur so „düstere“ Themen ziehen mich oft so runter.
        „Wieso bin ich nicht gestorben? Stattdessen wandel ich hier auf Erden.“
        Das entspricht so überhaupt nicht meinem Denken, weißt du.

        • Mr. Winterschein schreibt:

          Moin,
          das erste freut mich antürlich sehr.
          Und zu dem zweiten. Ich finde es gut, dass so düstere Gedanken nicht die deinen sind, wäre ja auch schlimm, wenn dem so sei.
          Das ist hier nur eine Geschichte, nichts weiter. Ich könnte natürlich nun vorwegnehmen, was so alles passieren soll, aber das würde doch die Spannung nehmen. Es ist in Ordnung, wenn du diese Geschichte nicht lesen willst, aber vielleicht muss man sich auch mal von anderen Dingen überraschan lassen^^.
          Trotzdem danke ich dir sehr für deinen Kommentar und bitte lass dich nicht runterziehen von der Geschichte, auch wenn sie düster anmuten mag.
          LIebe Grüße.
          M. W.

          • Guten Morgen Herr Winterschein,
            klar lese ich weiter, jetzt, wo ich angefangen hab. Aber danach muss ich rasch wieder mein Radio aufdrehen, damit ich einen schönen Ohrwurm für den Tag habe 😉
            Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
            Suse

  2. Sherry schreibt:

    Hey Mr. Winterschein,

    ich wollte dir hier nochmal zur Sicherheit sagen, dass ich dir das PW schon längst geschickt hatte. Da du es anscheinend nicht bekommen hast, befürchte ich, dass du auch meine Antwort an dich (per Mail) nicht bekommen hast, deshalb gebe ich dir hier Bescheid. Falls doch, schreib‘ mir das doch kurz per Mail. Manchmal landen die einfach im Spam, ohne dass wir es merken!

    Lieben Gruß,
    Sherry

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