Aufwiedersehen (3)

Kapitel 4

Und da sitze ich. In meiner dunkelblauen Schuluniform. Sie sitzt, ist mir schließlich auf den Leid geschneidert. Die Hose ist aus Baumwolle und fühlt sich der angenehm auf meiner Haut an, darunter ein weißes Hemd, welches wie neu erstrahlt und darüber ein Jacket, welches das Wappen der Schule trägt. Eine stilisierte Rose in dessen Inneren die Anfangsletter der Schule eingraviert sind. Meine Arme lugen ein wenig daraus hervor, wie eine Schnecke, welche vorsichtig aus ihrem Haus hervorspäht. Scheinbar hat der Schneider hier nicht so recht gearbeitet. Dann diese Krawatte. Sie ist ordentlich geknotet und baumelt von meinem Hals herab, wie ein Pendel immer auf den Boden zeigend. Diese Krawatte! Ich habe das Gefühl, dass sie mir die Luft abschnürrt, wie eine Boa, die sich um meinen Hals gelegt hat und nun immer fester zu zieht.
Wieso ist sie hier? Es kann nicht sein! Meine Gedanken kreisen, wegen ihr oder der Schlange um meinen Hals. Alles dreht sich, wie in einem defekten Karussel, welches nicht zum Stillstand kommt. Und so wird mir schwindellig. Die Luft in diesem Klassenzimmer ist furchtbar. Diese Leute atmen so viel Sauerstoff weg und hinterlassen nur unnützes Kohlenstoffdioxid, welches keinen Nutzen hat. Ich lange zu meiner linken und öffne das Fenster. Und so gleich strömt frische Luft herein. Wie ein Gefangener, der soeben befreit wurde kommt sie hereingestürmt und spielt mir frisch und verspielt um die Nase. Ich atme diese ein und sogleich hält das Karussel in meinem Kopf an. Ich kann wieder denken.
„Ich bin Takara Yuuka, die Klassensprecherin. Soll ich dich etwas in der Schule herumführen?“ Ich blicke, meine eigenen Gedanken nachgehend aus dem Fenster, es war sonnig Draußen. Ich schaue mich um, wo diese Worte, die von einer weiten Ferne an mein Ohr drangen, herkamen und da steht sie neben mir. Sie ist nicht gerade von langem Wuchs. Ihre Beine hingegen ragen aus ihrem dunkelvioletten Rock hervor, wie die Beine eines Stelzenläufers, an denen sich keine Strumpfhose befindet. Offensichtlich ist es ihr so warm genug draußen und das trotz der spätwinterlich Jahreszeit, welche uns doch immer mal wieder Frost beschert, wobei ich bin hier am Meer. Das Wetter könnte vollkommen anders sein. Auf den langen Beinen schließt sich ein kurzer aber filigran gewachsener Leib an, der eine deutlich Taille zeichnet, als sei sie einem dieser Anime entsprungen, in denen die weiblichen Vorzüge hervorgehoben würden, aber dem gegenüber steht ihre nicht sehr stark ausgeprägt Brust, welche sich nur leicht unter dem engsitzenden Blazer abzeichnet. Ihr Gesicht und vor allem ihre Augen strahlen eine gewisse Sympathie und Wärme aus, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das lange Haar, dunkel wie die Nacht, ist mit natürlich anmutenden Locken versehen, welche sich, wenn man dran ziehen würde, wie eine Feder wieder zusammenziehen würde. Und so wirkt ihr Haar doch ein wenig buschig. Die Augen braun und freundlich, wie das wärmespendende Feuerholz. Das Weiß, um ihre Pupille steht in einem starken Kontrast zu ihre dunklen Kajal. Ansonsten sieht sie äußerst ungeschminkt aus. Nicht mal eine rote Rose hat von der Natur eine solche Farbgebung, wie die ihrer Lippen, so dass es hier keiner Manipulation bedarf. Ihr Teint dagegen, welche vermutlich durch den hohen Konsum der Meeressonne zu verantworten ist, gibt ihr eine angenehme Erscheinung.
„Ähm, ja, gerne.“ antworte ich. Ich stehe auf und bin sicherlich einen Kopf größer als sie. Sie blickt mich freundlich an und lächelte dabei leicht. Auf ihrem Abssatz macht sie eine elegant erscheinende Drehung, fast wie eine Ballerina und blickt nochmal nach hinten, als würde sie sich vergewissern, dass ich ihr auch Folge. Wie sie mich so durch die Schule führt, welche, im Vergleich zu meiner alten, nicht sonderlich groß ist, unterhalten wir uns ein wenig.
„Und Abarai-kun, du kommst aus der Haupstadt?“ erkundigt sie sich.
„Ja, in der Tat, aber ich denke, dass es hier ganz schön werden wird. Schließlich ist es hier ruhiger und nicht so gehetzt.“ antworte ich ihr wahrheitsgemäß und ein Lächeln umhüllt ihr Lippen wie Feuer.
„Ja, da hast du recht. Hier ist es sehr ruhig. Selten passiert hier etwas, aber man kann es ganz gut aushalten, besonders bei schönem Wetter, dann kann man nämlich schön am Strand liegen.“ Somit klärt sich, woher sie ihre gesunde Hautfarbe hat.
„Und du lebst schon dein ganze Leben hier, Takara-chan?“ frage ich sie, um keine unangenehme Ruhe aufkommen zu lassen, die dafür sorgen würde noch weniger sprechen zu wollen.
„Nein, aber fast. Meine Eltern und ich haben erst nördlich von hier gewohnt, aber als ich in die Kindergarten gekommen bin, sind wir umgezogen.“
„Und was machen deine Eltern?“
„Mein Vater ist Angestellter und meine Mutter betreibt einen kleinen Blumenladen und deine Abarai-kun?“ fragt sie mich sichtlich interessiert.
„Mein Vater ist Manager und kaum zu Hause und meine Mutter ist Fotografin und eben so selten Daheim.“ Sie vollführt eine Drehnung und geht danach leicht in die Hocke und hält die Hände vor das Gesicht, als würde sie eine Kamera halten.
„Fotografin würde ich auch gerne werden. Es muss schön sein so viel zu reisen und die unterschiedlichsten Dinge zu sehen und sie im Bilder festzuhalten, die die Menschen bewegen.“ sagt sie freudestrahlend.
„Sicherlich ist das schön, aber du musst richtig gut dafür sein, sonst kannst du davon nicht Leben.“ teile ich ihr nüchtern mit. Sie guckt eine wenig verdutzt, was eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Opossum nicht abstreiten lässst.
„Dann suche ich mir einen Mann, der ganz viel Geld verdient und klappt das.“ sagt sie triumphierend.
„Ja, das stimmt. So könnte es wahrlich funktionieren.“ ich mache eine kleine Pause und überlege kurz. Soll ich sie fragen, wer das Mädchen in der ersten Reihe ist? Wieso nicht?
„Takara-chan, kannst du mir vielleicht sagen, wer das Mädchen in der ersten Reihe ist. Mit dem wahnsinnig langem Haar?“ wagemutig sprudelt es aus mir heraus. Ich muss nun den Quell der Wahrheit öffnen, damit ich Gewissheit habe. Diese Frage schmeckt ihr vermutlich so sehr, wie der Biss in eine Zitrone. Sie guckt mich etwas irritiert an, beantwortet sie mir aber trotzdem.
„Das ist Fujima Haruka.“ meine Gehirnwindungen entspannen sich. „Wieso fragst du?“ setzt sie gleich nach. Was soll ich ihr sagen? Und so gleich verkrampft sich wieder alles. Es ist zu kompliziert und zu merkwürdig. Sie würde mich für verrückt halten, so wie ich den Fanatiker für verrückt halte.
„Ähm, sie hat so einen ernsten und strengen Blick, das irritierte mich ein wenig, daher war ich nur neugierig, aber hab Dank für die Auskunft.“
Wir gehen noch ein wenig durch die Schule. Die Gebäude sind alt. Der Zahn der Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen. Von der Fassade bröckelt der Putz und ähnlich verhält es sich mit den Fensterrahmen, an denen die Farbe aufplatzt, wie eine Pickel, den man ausdrückt.
Von Innen sieht die Schule allerdings sehr gut aus. Die Wände sind makellos weiß gestrichen. Nirgends irgendwelche Beschmierungen und die Ausstattung erscheint auch ziemlich neuwertig.
„Hast du dir schon eine AG ausgesucht, Abarai-kun?“ frag sie mich neugierig.
„Äh, ich muss gestehen, dass ich davon noch gar nichts weiß.“ sage ich etwas verlegen und kratze mich am Hinterkopf. Eine typische Reaktion meiner Person, wenn ich nicht weiter weiß oder velegen bin. Ich erkundige mich, welche es denn gibt und sie zählt alle auf und in der Tat ist da eine dabei, die mich äußerst interessiert. Die Kendo-AG. Sichtlich enttäuscht, dass ich nicht der Ballet-AG beitrete, versteht sie aber, dass die Kendo-AG die richtige für mich ist und sie scheint dann sogar erfreut zu sein, dass diese ihre Schule mir diese Möglichkeit bietet.

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4 Antworten zu Aufwiedersehen (3)

  1. Kiira schreibt:

    Hallo, lieber Mr. W 🙂
    Hab die Kapitel bisher gelesen und sie gefallen mir gut. Bin gespannt, was da noch kommt.

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Kiira,
      schön von dir zu lesen. Das freut mich doch sehr, dass es dir gefällt. Oh man, ich hoffe doch sehr, dass ich deine erwartungen erfüllen kann. Der Druck wächst^^.
      Ich hoffe doch sehr, dass ich die nächsten Tage wieder einen Abschnitt hinzufügen kann.
      Liebe Grüße.
      Mr. W.

    • Kiira schreibt:

      N’Abend, lieber Mr. W. 🙂
      Ach, fühl dich bloß nicht unter Druck gesetzt. Einfach so wie immer machen/sein, dann wirds schon werden!

      Gruß, Kiira

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