Aufwiedersehen (4)

Kapitel 5

Wie beim Militär stehen sie, wie kleine Soldaten, in Reih und Glied. Die Kleidung erscheint, als sei sie an ihre Körper gebügelt worden. Die Haare sind fein säuberlich zurecht gemacht, es mutet gerade so, als sei jedes Häarchen einzelnd in Form gebracht worden. Die Kinder stehen im Flur des Hauses. Sie sind erwartungsvoll und ängstlich zugleich. Die nächsten Minuten könnten darüber entscheiden, ob sie ein Leben in einem geborgenen Nest haben werden oder ob sie weiterhin der Emotionslosigkeit dieses Ortes ausgesetzt sind, die einem Friedhof gleicht. Wie schön es doch wäre endlich jemanden zu haben, der einen in die Arme nimmt. Wie schön es doch wäre mit jemanden in den Park zu gehen, wenn das Wetter es zulässt. Wie schön es doch wäre jemanden zu haben, den man Mama und Papa nennen könnte.
Und da kommen sie, die potentiellen Eltern. Die Nonnen begrüßen sie überfreundlich. Eine Maskarade, die sie immer wieder an den Tag legen. Sie sind so freundlich zu ihnen, wie der Verkäufer auf dem Wochenmarkt sich seinen Kunden anbiedert, um seine Ware zu verkaufen. Die Kinder sind die Ware und dabei ist Menschehandel doch verboten.
Das Ehepaar, gut gekleidet und wohlhabend dreinblickend, schreitet die Reihe herab. Beguckt sich die Kinderlein, als seien sie Tiere in einem Zoo. Ab und an sprechen sie auch mit einem, einem geschenkten Gaul schaut man schließlich auch ins Maul. Und da bleiben sie vor ihr stehen.
Ihr Haar ist hüpftlang und glatt. Jeder einzelne Strähne macht den Eindruck, als sei sie an dem Ort, wo der Regisseur es gerne hätte. Mit ihren kleinen ängstlichen Augen, die sich die ganze Prozedur angeschaut haben, wie das Wild durch das Dickicht blickt immer auf der Suche nach möglichen Feinden, blickt sie diese großen Menschen an.
Die Frau ist schön und hat matte Haut und ihre Lippen machen ihr den Eindruck als hätte sie zu viel mit dem Tuschkasten gespielt. Er hingegen ist ein stattlicher Mann mit einem soliden Bauch, der so aussieht, als können man gut darauf hüpfen.
Sie schauen sich die Kleine an, welche leicht eingeschüchtert zu den großen Gestalten empor blickt.
Ihre Augen mustern sie, als sei sie ein Blumenstrauss, dessen unansehnlichen Blüten man suche. Lange verweilen sie mit ihren Blicken bei der Kleinen. Sie fühlt sich unsicher. Die wildesten Phantasien streifen ihr durch den Kopf. Sie nehmen sie sofort in die Arme und mit nach Hause, bis hin zur Auseinandersetzung mit den Nonnen, was diesen den einfallen würde ein solches Geschöpf zu präsentieren und die folgende Besprafung für sie, warum sie denn so unansehnlich sei.
Das Ehepaar zieht wortlos weiter und in ihr breitet sich eine Gefühlsmischung aus Erleichterung und Wertlosigkeit aus. Ist sie es nicht wert, dass sie jemand lieb hat. Ist sie so hässlich, dass sie nicht mit genommen wird. Ist sie wirklich so wertlos, wie eine Schneeflocke, dessen Dasein man nicht mal wahrnimmt und wenn man sie doch wahrnimmt, so verwünscht man sie sogleich, denn wo die eine herkommt, kommen bestimmt noch mehr.
Das Paar entscheidet sich und noch Stunden später steht die Kleine alleine im Flur des Hauses. Keine Bilder. Die Holzdielen abgetreten von unzähligen Füßen, dessen Besitzer sich nicht um den Boden kümmerten. Sie steht immer noch dort. Einsam, aber für diesen Ram äußerst dekorativ. Ihre Augen betrachten die Füße, wie sie auf diesen abgenutzen Boden verweilen. Sie fühlt sich in diesem Moment einsam und verloren und all jene Gefühle in ihr machen eine Achterbahnfahrt. Eine Fahrt ins Nirvana und so bleibt nichts zurück. Sie fühlt sich so leer, wie dieser Raum ist. Leer und kalt, aber sie ist in diesem Raum, aber was ist in ihr?

Kapitel 6

Am Abend noch berichten mir meine Eltern, dass sie sich wieder Mal davon machen. Mein Vater muss für sicherlich zwei Monate nach New York und meine Mutter wird rund um den Himalaya unterwegs sein und dort Fotos machen. Sie wird auch sicherlich erst in frühestens zwei Monaten zurückkehren. Zur Abwechslung fragen sie mal, ob mir das was ausmachen würde. Selbst wenn es mir etwas machen würde, so würden sie es doch nicht absagen. Ich sage ihnen, dass es schon in Ordnung ist.
Alleine in meinem Zimmer stelle ich mir die Frage, ob sie überhaupt begriffen haben, was passiert ist? Haben sie überhaupt verstanden, dass mein Leben ein jähes Enden hätte finden können? Mein Leben wäre fasst so schnell zu Ende gewesen, wie das einer Eintagsfliege, aber meine Eltern scheinen dies nicht so ganz begriffen zu haben. Sie hielten es nicht mal für nötig mich im Krankenhaus zu besuchen. Sie waren schließlich am Arbeiten. Ich lag geschlagene zwei Woche alleine im Krankenhaus. Kein Besuch. Meine Großmutter rief an, wie sie das hörte und fragte, ob sie vorbeikommen solle, doch mit ihren über achtzig Jahren wollte ich sie nicht den langen Weg bemühen. Sie rief mich aber ab dann jeden Tag an. Jeden Morgen auf’s Neue schaute ich an die Decke und das Weiß erschien mir mit jedem Tag an seiner Helligkeit zu verlieren. Die Tage wurden grauer und der erste Schnee fiel. Leicht und sanft legte er sich wie eine Decke über alles, so auch über meine Seele, die in den Winterschlaf ging. Mein Geist versuchte sich vor dem Schützen, was geschehen war. Das Geschehene sollte eingemauert werden und nie wieder hervorgelassen werden. Doch die Gesichter der Menschen, die mich kannten, erinnerten mich zu sehr daran.
Und so bat ich meine Eltern darum, dass wir umzögen und überraschenderweise taten sie es auch. Ich fuhr mit dem Zug voraus und sie organiserten den ganzen Umzug. Dies war äußerst ungewöhnlich, doch mir geht es seitdem deutlich besser. Als hätte ich eine Last dort gelassen, wenn gleich ich mich nun deutlicher mit ihr auseinandersetze. Meine Last und ich, wir diskutieren oft und so geht das Gespräch weiter, ohne Mentor und ohne Ende.

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8 Antworten zu Aufwiedersehen (4)

  1. Kiira schreibt:

    Bin gespannt, wie es weiter geht 🙂
    Übrigens steht bei mir im Browser das Wort „Ende.“ alleine in der letzten Zeile. Zuerst dachte ich schon, dass es das Ende deiner Geschichte sei – was ja ein ziemlich offenes Ende wäre… – , bis dich dann den Absatz zu Ende las. :- ) Zufälle gibts.. .
    Sehr melancholisch und gut nachvollziehbar geschrieben. Das weißgrau des Schnees findest du auch in meinem neusten Artikel :- ) Was das Wetter so bei uns auslöst… *lach

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