Aufwiedersehen (5)

Kapitel 7

Wir waren auf dem Heimweg. Nami lief neben mir. Sie war schon den ganzen Weg so still, was für ihre Person äußerst ungewöhnlich war. Sonst redete sie wie eine wild gewordene Herde von Pferden. Ihre Worte galoppierten nur so dahin und kaum etwas konnte dies stoppen. Sie trug ihre Tasche mit beiden Händen vor sich, so dass ihre Knie immer wieder dagegen schlugen, wie in einem Takt. Der Saum ihres schwarzen Rocks tanzte leicht zu diesem Takt, doch wirklich elanvoll war er nicht.
„Was hast du, Nami-chan?“ fragte ich sie dann irgendwann, denn mir wurde das Schweigen zu blöde und mich störte es, dass ich ihre Stimme nicht vernahm. Sie blickte mich kurz mit ihren großen Knopfaugen an und schaute dann wieder zu Boden.
„Hast du es auch gehört?“ fragte sie und ich spitzte die Ohren, doch ich hörte nur den üblichen Straßenlärm. Die Autos, welche an uns vorbeifuhren, dass hektische Gewusel der Menschen um uns rum, alle waren sie unterwegs wie fleißige kleine Bienen.
„Ähm, ich weiß nicht, was du meinst.“ sagte ich verständnislos, denn das Gewirr um uns rum konnte sie nicht meinen.
„Was die anderen gesagt haben.“ meinte sie. Ihre Worte waren Heute von einem opaken Faden durchzogen, der es mir nicht einfach machte, sie zu verstehen.
„Was haben die anderen denn gesagt?“ fragte ich gerade heraus. Sie blickte wieder zu mir öffnete den Mund leicht, als wenn sie zum Reden ansetzen wolle, doch da kam nichts raus. Sie stockte, schloss den Mund wieder und richtete die Augen wieder gegen den Grund.
Egal was es war, es musste sich um eine sehr ernst Sache handeln, wieso sollte sie sonst, in einen solchen Zustand sein. Sie wirkte geradezu gefesselt von diesen Worten, welche es auch immer sein sollten.
„Nun?“ fragte ich behutsam nach und beugte mich dabei ein kleines Stückchen runter, um ihr in die Augen zu sehen. Sie blickte mir nun direkt in die Augen. Ihre Augen waren so grün, wie die Blätter der Bäume zum Lenz und doch strahlten sie nicht dessen frische aus, zumindest nun gerade nicht. Sie wirkten eher trüb, als hätte sich der morgendlichen Nebel noch nicht verzogen.
„Die anderen fragte mich Heute…“ sie brach ab und schaute wieder weg. Was konnte so schlimm sein, dass sie es mir nicht erzählen wollte. Wir kannten uns nun so viele Jahre. Waren schon im Sandkasten beste Freunde und auch nun im Alter von 14 Jahren verstanden wir uns noch immer sehr gut.
„Nun sag schon.“ drängte ich sie ein wenig. Sie zögerte, doch dann sprach sie.
„Die anderen aus der Klasse meinen, dass wir zusammen sind.“ prustete sie heraus und wie das Tuch eines Matadors wurde sie rot.
Ich musste mir das Lachen deutlich verkneifen, es fühlte sich so an, wie das Laufende Wasser aus einem Wasserhahn, den man mit dem Finger versucht abzudrücken, doch es kommt unweigerlich etwas heraus. Nami merkte, trotz meiner bestechenden schauspielerischen Leistung, dass ich das ganze äußerst belustigend fand. Sie kniff die schwarzen dichten Augenbrauen, welche sorgfältig bewirtschaftet wurden, wie ein Zen-Garten, zusammen und machte einen leicht angefressenen Eindruck. mir blieb die Spucke im Halse stecken. Ganz ofensichtlich hatte sie dies nicht erwartet. Als ich gerade etwas sagen wollte, wandte sie sich und ging davon. Ähnlich wie sonst ihre Worte, galoppierte sie nun aufgebracht davon. Ich rannte hinter ihr her und versuchte mit ihr zu reden, doch es war zwecklos. An der Kreuzung, wo sich unser Weg trennte, meinte ich noch erahnen zu können, dass sie weinte oder war es das Muttermal unter ihrem rechten Auge, welches die Form von Tränen hatte? Und so stand ich da, allein und ratlos, um mich herum der Großstadtdschungel.
Eine Weile blickt ich ihr hinterher, sie machte keine Anstalten sich um zudrehen. Und so verschwand ihre Gestalt jäh um eine Ecke. Ich sah noch ihre schwarzen Haare im Flug um die Steinwand verschwinden und so war sie weg.

Kapitel 8

Am Morgen packe ich meine Schulsache zusammen und ebenso hole ich meine Kendo-Sachen aus dem Schrank. Lange habe ich nicht mehr getragen. Sie wirken mir ein wenig fremdartig. Gerade so, als seien sie nicht für mich bestimmt. Habe ich die Hakama (Hosenrock) und die Kendo-Gi (Trainingsanzug beim Kendo) wirklich jemals getragen. Sie wirken als wären sie zuletzt von einem starken, willensgeprüften Menschen getragen worden, dessen Kampfgeist durch ihn strömte als sei er die Personifikation des ehrenhaftesten Kämpfers. Und nun soll diese Kleidung, welche förmlich nach Ehre riecht, wie der Bauarbeiter nach Schweiz stinkt, von mir getragen werden. Unsicher, wie ein kleiner Vogel, der gerade seine ersten Flugversuche unternahm, packte ich diese Kleidung und restlich Ausrüstung ein.
Unter der Last der Ausrüstung ging ich zur Schule. Der Wer wurde beschwerlich. Ich fühle mich der Ausrüstung nicht würdig. Sie verströmt so viel Tradition und Geschichte. Sie repräsentiert Charakterstärke, Entschlossenheit und moralische Stärke. Doch zurzeit fühle ich nichts davon in mir. Mein Charakter ist entzweit, ein Teil ist in die prächtigen Walhalls eingekehrt und der andere Teil, der keine Entschlossenheit kennt, ist wieder in mich gefahren und so schwanke ich. Ich schwanke zwischen dem Wandeln auf Erden und Verbunden sein im Tode. Und dann ist da noch die Moral? Selbst wenn ich noch moralisch handeln sollte, welches mir Kant durchaus zuspricht, so kann ich doch von vielen meiner Artgenossen dies nicht behaupten. Mord und Todschlag in Nahen Osten und Vergewaltigungen in Indien, um nur einige Dinge zu nennen. Wie kann ich da noch an die Moral der Menschheit glauben, wenn sie doch so offenkundig mit Fußen getreten wird?
Voller Zweifel bestreite ich meinen Weg zur Schule, welcher unter all der Bürde auf meinen Schultern zu einem Kraftakt wird.
Zum Nachmittag finde ich mich mit meiner Ausrüstung im Dojo. Ich treffe einen Mitschüler an, der mir die Räumlichkeiten zeigt und mir erklärt, dass die Leitung hier von dem ranghöchsten Schüler übernommen wird, wer das allerdings ist, erzählt er mich nicht und so trifft es mich wie ein Schlag. Wir haben uns alle umgezogen in der Trainingshalle eingefunden. In üblicher Manier verbeugen wir uns in der Halle vor der Halle. Wir nehmen alle samt Platz. Junge Frauen und Männer sind zahlreiche hier. Dennoch falle ich auf. Meine weiße Hakama, die weiße Kendo-Gi und meine weiße Schutzkleidung stechen doch sehr unter den schwarzen Ausrüstungen der anderen hervor. In voller Montur, den Men (Kopfschutz) unter den rechten Arm geklemmt und das Shinai in der linken Hand, betritt Fujima Haruka das Dojo. Wir alle verbeugen uns vor ihr. Sie begrüßt uns alle und mit ihrem strengen Blick mustert sie dabei jeden einzelnen von uns, als wolle sie überprüfen, ob jeder seine Kleidung fachgerecht angezogen hätte. Ihre wachen Augen schwenken am Ende, wie Scheinwerfer, wieder zu mir zurück.
Mit ruhiger aber kühler Stimme, lässt sie sich vernehmen:
„Wie ich sehe haben wir heute einen Neuzugang. Würdest du dich bitte uns vorstellen und deine Kendo-Erfahrungen mit uns teilen?“ Ihre Stimmen sind sich so ähnlich. In Erinnerungen schwelgend, mache ich mich dennoch auf den Weg nach vorne, wo sie mir mit einer kontrollierten Handbewegung zu verstehen gibt, dass ich dort hinkommen solle.
Ich stelle mich somit neben ihr und verkünde deutlich und kraftvoll meinen Namen, damit die Halle ihm nicht allen Ausdruck nimmt und ebenso verkünde ich meine Graduierung und wo ich gelernt habe. Alle staunen sie offensichtlich nicht schlecht, als sie erfahren, dass ich den dritten Dan habe. Ich schaue sie an.
„Darf ich dich um einen kleinen Zweikampf von 10 Minuten bitten, Abarai-kun?“ Ich stimme diesem mit einem Nicken zu, ohne zu erahnen, worauf ich mich soeben eingelassen habe.
Einer der anderen macht den Schiedsrichter. Wir beide setzen uns die Men auf. Beziehen Position. Es liegt eine unheilvoll Spannung über den anderen Kendoka, welche uns wie hypnotisiert betrachten. Wir bewahren die übliche Etikette und so beginnen wir unseren Kampf. Durch den Schutz ihre Men hindurch erblicke ich ihre grünen Augen, welche mich giftig anfunkeln, wie eine Viper ihr Opfer kurz bevor es es beißt.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Aufwiedersehen (5)

  1. Kiira schreibt:

    Wie spannend 😀 schreib weiter :p 😉
    Also mir gefällt die Geschichte sehr gut, ich würde Rückblenden vllt nur kenntlich machen.

    Gruß, Kiira

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Kiira,
      schön, dass du es spannend findest^^. Ziel erreicht^^.
      Die „Rückblenden“, wie du es nennst, sind meiner Meinung nach schon recht kenntlich gemacht. Sie sind in der Vergangenheit verfasst, während der Rest in der Gegenwart verfasst ist. Aber vielleicht lasse ich mir noch was einfallen.
      Schönes Wochenende
      Mr. W.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s