Aufwiedersehen (7)

Kapitel 11

Zuhause angekommen verköstigte ich mich zunächst, meine Eltern ließen mich wieder Mal alleine. Ich merkte hier schon, dass meine Gedanken nicht ganz bei der Sache waren, spätestens als mir das Essen fast anbrannte, wurde mir dies klar. Ich aß tief in Gedanken versunken.
Wieso beschäftigte Nami dies so sehr? Es war doch lediglich blödes Gewäsch der anderen. Sie sollten doch lieber vor ihren eigenen Türen kehren. Ich grübelte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass ich gar nicht mehr aß. Mein Essen war kalt und der Appetit war weitergezogen.
In meinem Zimmer dachte ich weiter darüber nach, um es genau zu beschreiben. Ich wollte eigentlich lernen, aber meine Gedanken ließen mich nur an dieses Geschwätz denken. Sie dachten also, dass Nami und ich zusammen seien, wie bei allen Geistern kommen sie bloß darauf? Ich ging in meinem Kopf alles durch, was ich mit Nami unternahm. Zur Schule gehen, in der Schule sein, die Pausen miteinander verbringen, fast alle AGs zusammen haben, gemeinsam schwimmen gehen, zusammen einkaufen gehen und da wurde es mir irgendwie klar. Wir machten alles zusammen. Ich versuchte mich an einen Moment zu erinnern an dem wir nicht zusammen waren. Es fiel mir schwer. Aber tief in meinen Gehirnwindungen und weit unter eine vergraben. Doch! Da war etwas! Der letzte Sommer, da war sie für zwei Wochen mit ihren Eltern im Urlaub. Und ich. Ich war alleine zurückgeblieben. Meine Eltern nicht da und Nami nicht da. Dies war eine furchtbare Zeit.
Ich lag zu der Zeit viel auf meinem Bett, wusste nicht so recht mit meiner Zeit etwas anzufangen. Bin von einem Ort zum nächsten gewandelt. ohne so recht zu wissen, was ich dort wollte. Die Tage verliefen monoton und langweilig, zogen sich dahin wie Kaugummi. Und ebenso fad wurden sie mit der Zeit. Die Farbe wich aus allem heraus, als hätte ich einen bunten Pullover zu oft gewaschen und mit der Farbe wich auch die Freude zu dieser Zeit aus meinem Leben. Immer wieder schaute ich auf mein Handy. In diesen Tagen wirkte es mir als einziges Verbindungsglied zu Nami. Wir schrieben uns viele SMS. Jeder Nachricht zauberte mir ein kleines Lächeln auf die Lippen und jedes Mal nachdem ihr geantwortet hatte, verzog es sich so Rasch, wie der Qualm sich in der Luft verteilt, bis nichts mehr zu sehen ist. Nachdem ich geantwortet hatte, hörte ich wieder die Uhr, wie sie eintönig vor sich her arbeitete. Ja, ich spürte, wie ich Nami zu dieser Zeit vermisste. Ich hätte sie so gern bei mir gehabt. Ich hatte das Gefühl zu verhungern, sie näherte mich nicht mehr mit ihrer Anwesenheit.
Mir wurde klar, dass ich mehr für Nami empfand. Bis zu dieser Erkenntnis hatte sich die Sonne bereits gesenkt und wollte verschwinden.
Ich lächelte in mich rein. Wie konnte es nur sein, dass ich so blind war für meine eigenen Gefühle? Hatten sie sich so schleichend aufgebaut, dass die Veränderung so marginal war, wie das Auseinanderdriften der Kontinentalplatten? Ich musste es ihr sagen!

Kapitel 12

Ausflug. Die ideale Möglichkeit. In einem Museum. Es sind viele Leute dort. Die Menschen laufen wild durcheinander. Viele Familien mit Kindern. Die Kleine hat es sich gut zu Recht gelegt. Sie will weg. Weg aus diesem Zuhause, welches ihre keine wohlige Wärme in den Bauch zaubert. An dieser Anstalt, die sie wie eine wahnsinnige unter Verschluss hält. Sie will einfach nur weg von dort. Die Tasche mit einigen nötigen Dinge gepackt und mit einige wenige Lebensmittel. Sie hat ihre Sparschwein geplündert, eine fetter Weihnachtsganz war es nicht, aber immerhin Etwas.
Wie sie im Museum sind, nutzt sie die Chance und schleicht sich durch die Menschenmassen, die ihr Schutz bieten, wie die Bäume dem Boden Schutz bieten, davon. Unerkannt schafft sie es aus der Sicht der Nonnen und geht normal weiter. Sie will sich nichts anmerken lassen. Sie verlässt das Museum, niemand behelligte sie. Nicht mal die Wachen machen sich irgendwelche Gedanken darüber die Kleine alleine davongehen zu sehen. Und wie sie das Gelände verlässt rennt sie los. Als sei der leibhaftige Teufel hinter ihr her, so schnell rennt sie. Sie sollen sie nicht wieder einfangen. Sie will nicht zurück und darum rennt sie, sie schnelle sie ihre kleinen kurzen Beinchen tragen können. Ohne Ziel und ohne Plan rennt sie. Links, Rechts und wieder links und dann nochmal links. Sie rennt einfach. Ihre Brust beginnt zu ziehen. Jeder Atemzug beginnt zu brennen in ihrer Lunge, welche einer solchen Belastung nicht gewachsen ist. Der sonnige Tag tut sein Übriges um zu beschleunigen, was unaufhaltsam ist. Der Schweiß rinnt ihr leicht die Stirn hinunter. Und wie sie das Gefühl hat, dass ihr kleines Herz in tausend Stücke zerspringt, hält sie an und lehnt sich an die Mauer. Sie zittert. Die Anstrengung war gigantische für sie, so gigantische wie die Felsriesen in ihrem immerwährenden Kampf.
Nachdem der Schmerz in ihrer Brust nachlässt, der Tatter von ihren Gliedmaßen streift, als sei er etwas, dass sie übergezogen hätte, blickt sie empor um sich zu orientieren. Vor ihr sieht sie den Bahnhof. Sie ist auf der Flucht, also wieso nicht noch weiter weg? Sie geht hinein und löst mir ihrem Geld ein Ticket. Sie gibt alles aus umso weit weg zu kommen wie nur irgend möglich. Und kurze Zeit später sitzt sie auch schon in dem sicheren Zug gegen Norden. An die Küste soll es gehen. Sie lässt sich von dem Sitz gemütlich einbetten und versinkt prompt in einen leichten Schlummer. Die Anstrengen scheinen enorm gewesen zu sein. Doch nun beginnt erst ihr Ausflug in eine Welt, die sie zuvor nie gesehen hat. Eine Welt, die sie nur aus dem Radio kennt. Eine Welt voller Abenteuer und sie steckt mitten in einem davon.

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4 Antworten zu Aufwiedersehen (7)

  1. Kiira schreibt:

    Hallo, lieber Mr. W🙂
    Zunächst eine kleine Frage: 5. Zeile Gewäsch meinst du vllt Geschwätz?

    Ich finde es schön, dass du abwechselnd Kapitel aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart hast. Ich bin mal gespannt, was das junge Mädchen, das da ausgebückst ist und geradewegs zur Nordsee tapert, für eine Rolle spielt.

    Gruß, Kiira

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Kiira,
      Gewäsch ist eine Synonym für Gerede,Geschwätz oder der Gleichen, davon leitet sich auch das Wort „Waschweib“ ab. Daher meine ich schon Gewäsch^^, aber du kannst dort auch gerne für dich Geschwätz reinlesen, ist auch in Ordnung^^.
      Es freut mich sehr zu hören, dass es dir soweit gefällt. Ja, ein wenig Spannung muss ich ja wahren^^.
      Liebe Grüße.
      Mr.w.

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