Aufwiedershehen (8)

Kapitel 13

Wir stehen uns gegenüber und belauern uns, wie zwei Wölfe, die es auf ein und dieselbe Beute abgesehen haben. Und so kreisen wir umeinander. Die Kakegoe (Kampfschreie) hallen durch das ehrwürdige Dojo und erfüllen es mit Leben. Keiner von uns will den ersten Schritt machen, um den Gegner nicht wohlmöglich Angriffsfläche zu bieten. Ich sehe durch das Gitter ihres Kopfschutzes hindurch und erhasche wiedermal ihre Augen, so saftig grün das man sich hineinlegen möchte und zugleich so gefährlich wie der Biss einer Viper. Doch da ist dieses Vertraute, welches mich kurzzeitig innehalten lässt und mich an alte Tage denken lässt. In denen wir zusammen über den Spielplatz tobten und dann sehe ich schon ihren Angriff kommen. Die Gunst der Sekunde nutzend hiebt sie mit einem gewaltigen Schlag gegen meinen Kopf aus. Mein Instinkt lässt mich reagieren. Ich weiche mit meinem gesamten Körper aus und in meinen Ohren klingeln noch ihre Worte wieder, die sie durch das Dojo schickt. Ihr Kiai (Schrei, der das Ziel angibt) dröhnt in mir noch nach und im der Ausweichbewegung, bei der ich meinen Kopf äußerst tief gegen Boden neige, kommt mir mein Men abhanden. Ein wenig perplex über dieses Ereignis höre ich nur von der rechten Seite ein Sausen, sowie das Kiai für meinen Kopf. Ich hebe noch mein Bambusschwert zur Abwehr und im nächsten Moment höre ich es klappen und mir dröhnt das rechte Ohr. Sie hat mich getroffen. Mein rechtes Ohr fühlt sich äußerst warm an und sogleich merke ich, wie es anfängt entlang meines Nackens wärmer zu werden. Es fühlt sich an, wie ein einseitiger warmer Sommerregen. Ich sehe kurzzeitig die Sterne und die Schwärze des Alls um mich herum, schüttle aber den Kopf und sehe wieder klar. Ich blicke durch ihren Kopfschutze und sehe ihre Augen, wie sie weit aufgerissen sind. Der Schlag hätte deutlich kräftiger ausfallen müssen, sie hat am Ende gezögert. An meinem Hals kommt der Sommerregen nun auch an. Ich nehme meinen Men und darf feststellen, dass das Band gerissen ist, mit dem ich es mir um den Kopf festbinde. Ich setze mir den Men wieder auf und begebe mich in Ausgangsposition. Im Dojo ist es ruhig. Nicht mal sie bewegt sich.
„Ähä…Äh, P-Punkt für Fujima-sensei.“ ruft der Richter aus und gibt sogleich den Kampf wieder frei. Er hat doch keine Ahnung. Was für ein Tölpel. Ihre Ausführung war nicht bis zum Ende mit Überzeugung versehen, es ging davon, wie der Schnee bei einem fahrenden Auto, welcher einfach davon gepustet wird. Mein rechtes Ohr pocht zum Rhythmus meines Herzens und ich kämpfe weiter. Soviel Ehre wurde diesem Anzug seit Monate nicht mehr zuteil.
Einige meiner Hiebe gegen sie landen leider nicht, doch auch sie trifft nicht. Ich bin auf der Hut. Meine Sinne haben sie geschärft. Ich habe das Gefühl wieder zurück zu kommen.
Der Kampf geht 1:0 für sie aus. Wir verbeugen uns voreinander und vor dem Richter, sowie vor den Versammelten. Danach gehe ich zu einem Spiegel und nehme die Men ab. Im Inneren des Kopfschutzes hat sich ein roter Fleck ausgebreitet. Er liegt dort ruhig und geschmeidig, wie ein See. Ich blicke auf und betrachte mein rechtes Ohr, es schmerzt. Zu sehen ist, dass es gerissen ist und nicht gerade zu wenig. Bestimmt ein Fingerglied lang ist die Kluft, die sich in meiner rechten Ohrmuschel aufgetan hat.
„Du solltest es nähen lassen.“ lässt sich Fujima vernehmen, die sich gerade hinter mich gestellt hat. Den Kopfschutz abgenommen und die langen Haare gleiten ihr geschmeidig über den Rücken, wie ein Bauchlauf, der sich sanft über die Felsen legt.
„Hm, ich denke nicht. Weißt du, jede Wunde, die ich jemals beim Kendo erlitten habe, trage ich bis zu meinem Lebensende, damit ich stets daran erinnert werde, was für Fehler ich gemacht habe, um diese bloß nie wieder zu machen und so auch diese. Und ich denke nicht, dass es so schlimm ist. Aber zu einem Ohrenarzt sollte ich gehen. Das Pfeifen will nicht so recht verschwinden.“ erkläre ich ihr lang und breit.
„Es tut mir Leid.“ entschuldigt sie sich. Ich blicke ihr über den Spiegel ins Gesicht. Ein Teil ihrer Strenge ist gewichen und hervor kommt ein Hauch von Güte.
„Was genau meinst du? Wenn du die Sache mit dem Ohr meinst, dann reden wir nicht weiter drüber, wenn du allerdings deinen Schlag meinst, den du nicht mit vollkommener Überzeugung ausgeführt hast, ja, dann sei dir auch verziehen.“ Sie blickt über den Spiegel zurück zu mir und ich möchte meinen, dass ich dort einen Anflug von einem Lächeln gesehen habe. Sie geht und bringt mir kurze Zeit später Verbandsmaterial und verbindet mir das Ohr. Ihre Hände fühlen sich so rau und kräftig an, ganz anders als die ihren.

Kapitel 14

Angekommen. Eine Zugfahrt hat die Kleine nun hinter sich. Sie steigt aus und sieht direkt vor sich das Meer, welches mit sanften Wellen in die Bucht einläuft sich am Strand verteilt. Das Wasser glitzert unter den Sonnenstrahlen. Die Kleine hat noch nie ein so schönes Meer gesehen. Stets nur diese braune Suppe, welche so uneinladend und ekelig aussah. Doch hier ist das Meer blau, es hat Farbe. Eine Farbe, die nicht si widernatürlich und abstoßend ausschaut. Die Kleine steht dort, mit offenen Augen blickt sie umher. Die Blätter der Bäume erstrahlen im saftigsten Grün und die Borke ist braun und runzelig, hier und dort mit Moos oder Efeu bewachsen. Es wirkt alles so natürlich und echt.
Die Kleine läuft los, zum Strand. Die läuft die Treppen hinunter zumeist mehrere Stufen zugleich und in Windeseile steht sie dort. Der Sandstrand unter ihren Füßen knistert leicht und vor ihr das blaue Meer mit seinen tosenden Wellen. In ihrem ganzen Leben hat sie noch nie so etwas Schönes gesehen. Sie tollt und spielt am Strand. Der Sand ist feucht und klebrig. Sie baut eine Burg mit ihren bloßen Händen. Der Sand, so körnig und rau, gleitet ihr durch die kleinen Finger und in ihr kommt ein Schwall Wasser bedrohlich nahe. Sie läuft immer wieder bis zum Wasser und sobald es näher kommt, flieht sie wieder vor ihm. So vergeht ein Tag am Strand.

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3 Antworten zu Aufwiedershehen (8)

  1. Kiira schreibt:

    Sehr schön🙂 Kapitel 13 ist sehr interessant und in Kapitel 14 kommt die Leichtigkeit gut zum Vorschein

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Moin Kiira,
      danke für den Kommentar. Schön das es dir gefällt. Ich muss gestehen, dass sie mir nicht so ganz gut gefielen, aber scheinbar bin ich zu selbstkritisch^^.
      Schönen Abend noch.

      • Kiira schreibt:

        Moin, Mr. Winterschein🙂
        Vielleicht hast du dich unter Druck gesetzt, um die Kapitel so zu schreiben, dass sie gut ankommen, weil ich mich ja lange auf die Szene in Kapitel 12 freute. ..
        du hast den Kampf gut geschrieben und die Akteure interessant handeln lassen. :- ) Sei also nicht zu selbstkritisch

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