Aufwiedersehen (9)

Kapitel 15

Am nächsten Morgen wartete ich wie gewohnt an der Kreuzung. Ich blickte mehrfach um mich. Die Autos fuhren an mir vorbei, wie ein Fluss waren sie, der niemals enden wollte. Ich blickte immer wieder zur Uhr und die Straße entlang, aus der Nami kommen musste. Ich blicke sogar zurück, manchmal nahm sie einen anderen Weg um mich von hinten zu erschrecken, doch auch hier konnte ich sie nicht ausmachen. Der Zeiger rückte unnachgiebig vor, doch Nami kam nicht. Ich musste mich entscheiden. Entweder weiter warten und damit rechnen eine saftige Strafe entgegennehmen zu dürfen oder zur Schule gehen und Nami hier wohlmöglich nicht anzutreffen. Aber vielleicht war sie auch ohne mich weitergelaufen. Dieser Umstand kam bisher nur ein einziges Mal vor, als sie nämlich furchtbar müde war und den Weg irgendwie hinter sich bringen wollte. Als sie merkte, dass sie ohne mich zur Schule gelaufen war, entschuldige sie sich tausende Male. Hatte sie auch Heute schlecht geschlafen?
Ich ging zur Schule.
Tatsächlich war sie dort, doch sie schien alles andere als müde zu sein. Sie unterhielt sich eifrig mit unseren Mitschülerinnen, die sie großzügig abschotteten, so dass ich gar nicht die Möglichkeit hatte mit ihr zu sprechen.
Ihr Blick, als sich unsere Augen durch den Dschungel der menschlichen Extremitäten trafen, war fest, fordernd und ärgerlich zugleich. Zur Pause hin folgte ich ihr. Ich wollte mit ihr sprechen, doch ihre Bodyguards folgten ihr auf Schritt und Tritt und vor der Damentoilette war meine Verfolgung sowieso zu enden. Unverrichteter Dinge zog ich also wieder ab.
Wieso zum Henker benahm sich Nami so merkwürdig. Sie gab mir nicht mal die Chance mich zu erklären. Selbst wenn sie auf mich sauer war, so hatte sie noch nie reagiert. Es machte mich ein wenig wütend, wie sie meinte mit mir umgehen zu können. Ich wollte ihr doch nur eine Sache mitteilen und dafür brauchte ich exakt eine Minute, wenn überhaupt.
Gegen Ende der Pause kam sie wieder aus ihrem Mäuseloch hervorgekrochen und schaute nicht einmal in meine Richtung. Wollte sie mich bewusst ärgern oder wieso machte sie Sowas? Sonst schaute sie stets zu mir und verzog dabei zumeist ihr Gesicht und ich das meine, schließlich waren die Stunden langweilig genug.
Zur nächsten Pause wollte sie erneut so schnell entschwinden, doch ich stellte sie zuvor.
„Nami-chan, könnte ich bitte kurz mit dir reden?“ schrie ich bald über den ganzen Flur, so dass es alle hören konnten. Sie blieb stehen. Drehte sich zunächst nicht, aber nachdem ihr Gefolge sich umschaute, wer der Störenfried war, blickte auch sie zu mir. Sie kam einige Schritte auf mich zu.
„Was möchtest?“ fragte sie in einem äußerst leisen und andächtigen Tonfall. Ich tat einen halben Schritt auf sie zu und beugte mich leicht zu ihr runter.
„Ich würde gerne kurz mit dir unter vier Augen reden.“ flüsterte ich mehr als ich sprach. Ihre Augen schauten mich unverwandt an.
„Du kannst auch hier mit mir sprechen.“ mit einer leicht zischenden Sprechweise teilte sie mir dies mit. Ich richtete mich wieder auf, blickte ihr tief in die Augen. Das sonst so liebevolle und herzliche Glimmen war erloschen und zurück blieben diese Smaragde, die trotz ihrer Schönheit, so ausdrucklos und kalt waren.

Kapitel 16

Die Sonne neigt der Welt seinen Rücken zu und entschwindet langsam über dem Meer, so dass der Strand allmählich im Dunkeln verschwindet. Die Kleine tollte und spielte den ganzen Nachmittag dort, ohne das ihr langweilig wurde. Sie genießt es. Die Luft und das Rauschen der Wellen sind beruhigend. Die Möwen, welche hier kreisen, lassen einen Hauch von Freiheit zurück. Doch langsam wird es kühl hier am Strand. An der Promenade laufen Schüler nach Hause. In der Stadt werden die ersten Lichter entzündet. Die Kleine steht dort und schaut auf das Meer hinaus. Wie wundervoll es doch wäre ein Fisch zu sein, der tagein tagaus durch die bunte große Welt des Meere streift und durch die Oberfläche hindurch springt und wieder im kühlen Blau landet. Völlig frei von irgendwelchen Zwängen. Doch auch ein Fisch verspürt Hunger und so meldet sich der Magen der Kleinen zu Wort. Er grummelt und zieht sich leicht zusammen, wie ein Gummiband. Sie läuft zu ihrer Tasche, doch dort, wo diese sein soll, ist nur Sand. Der ganze Strand besteht nur aus Sand und ihr. Ihre Jacke, die Tasche mit dem Essen und ihrem Geld, alles fort. Sie steht dort und schaut sich um. In ihren Augen breitet sich Furcht aus. Auf ihrer Haut die Kälte und zurück bleibt die Kleine in einem T-Shirt, einer Jeans und ein paar leichten Sommerschuhen. Sie fühlte sich einsam und verlassen. Ist dies die Strafe von Gott, dass sie weggelaufen ist? Ist der Gott wirklich so unbarmherzig, dass er selbst die Kleine, die sich doch nichts mehr wünscht als geliebt zu werden, so bestraft, in dem er ihr alles nimmt und nur die Kälte lässt. Vor der sie einst floh? Ist das Gott?
Oben in der Stadt wird es heller, wohingegen es hier unten am Strand immer dunkler wird und auch in ihr wird es finster. Wo ist Gottes Licht auf Erden?

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6 Antworten zu Aufwiedersehen (9)

  1. Sherry schreibt:

    Wie ich mich auf diesen Neunteiler freue. [Oder Noch-mehr-Teiler] … Wenn diese fuck Klausuren fäddisch sind. Wollte mich trotzdem mal hier melden. *^^*

  2. Kiira schreibt:

    Oben in der Stadt wird es heller, wohingegen es hier unten am Strand immer dunkler wird und auch in ihr wird es finster. Wo ist Gottes Licht auf Erden?
    Das regt zum Nachdenken an…

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