Aufwiedersehen (10)

Kapitel 17

Dieser Einstieg ins Kendo war für mich irgendwie beruhigend. Ich binde mir meine Schuhe zusammen und setze gerade den ersten Fuß nach Draußen, als meine Lippen ein kleines Lächeln umspielt. Es ist wie das Säuseln des Windes in den Blättern der Bäume. Lange ist es her, dass ich so etwas verspürt habe, so etwas bei mir wahrgenommen habe. Vielleicht sollte ich mich öfters vermöbeln lassen.
Ich trete aus dem Dojo heraus. Die Sonne ist langsam im Inbegriff sich für diesen Tag zu verabschieden. Sie hatte vermutlich auch genug von uns hier und würde sich die Menschen auf der anderen Seite des Globus anschauen wollen, ob diese interessantere Dinge machen. Ernüchternd würde sie dann vermutlich wieder zu uns zurückkehren und festgestellt haben, dass der Trott hier auf der Erde stets der gleich ist.
Ich schlendere über den Asphalt des Schulhofes zum Tor hinaus. Der Straßenbelag liegt in einem tristen grau unter mir. Meine Schritte auf ihm hinterlassen keine Zeichen. Es könnte auch gut sein, dass ich nie hier gewesen bin. Zuhause würde mich niemand erwarten. Das Haus läge in einem Dämmerlicht, überlege ich gerade so. Ich schreite durch das Schultor und von hinten höre ich nur:
„Abarai-kun! Abarai-kun!“ Ich drehe mich um und sehe Takara-chan auf mich zu laufen. Sie hat die Hand zum Gruß gehoben. Der Saum ihres Rocks tanzt im Takt ihrer Bewegung. Sie ist neben ihrer Schultasche noch mit einer weiteren Tasche beladen, eine große pinke Sporttasche. Sie kommt näher. Ihre gelockten Haare hat sie zusammengebunden, so dass sich hinter ihrem Kopf ein Busch aus Haare hervor tut.
„Hallo Abarai-kun, wie war das Kendo?“ fragt sie mich, als sie endlich bei mir angekommen ist und im gleichen Moment schaut sie mich erschrocken an. Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen und spähen zu meinem rechten Ohr, welches in weiße Leinen gehüllt ist.
„Was ist passiert?“ fragt sie sichtlich besorgt. Mit ihren zarten Fingern langt sie zu meinem Kopf und ergreift mit Zeigerfinger und Daumen mein Kinn und dreht meinen Kopf, so dass sie sich das besser anschauen kann. Ich spüre ihre kleinen sanften Finger an meinem Kinn und lasse es ohne Widerwehr mit mir geschehen. Die spitzen ihrer Finger sind etwas kühl und ich spüre ihre glatt geschliffenen Fingernägel an meinem Kinn.
„Ein kleiner Unfall, nichts weiter!“ tue ich es ab und sie guckt weiter dorthin. Aus den Augenwinkeln versuche ich sie zu betrachten. Sie blickt mich kritisch an, wie eine Mutter, die wittert, dass sie gerade belogen wurde. Sie macht aber keine Anstalten mein Kinn loszulassen.
„Könnte ich bitte meinen Kopf wiederhaben.“ plötzlich, als würde es ihr erst jetzt auffallen, dass sie mich am Kinn angefasst hat, lässt sie mich los.
„Schuldige.“ sagt sie verlegen.
„Ist schon in Ordnung. Bist du auf dem Heimweg?“ unnötige diese Frage zu stellen, aber so würde sie zumindest nicht mehr mein Ohr begutachten wollen.
„Ja, das bin ich. Das Ballett ist gerade vorbei und ich bin voll fertig.“ sagt sie und sackt unter der Last ihrer Taschen zusammen. Ich nehme ihr die Sporttasche ab, die wirklich schwer ist.
„So, nun hast du es nicht so schwer. Komm lass uns gehen. Und wie war das Ballett so? Ich stelle mir das immer als so ein wildes Rumgehopse vor, aber das ist es vermutlich nicht oder?“ Sie lächelt mich schüchtern an und erklärt mir dann was Ballett ausmacht. Dabei kann sie bald nicht mehr ruhig vor sich her laufen. Nein, sie tanzt um mich herum. Macht Pirouetten. Hüpft auf und ab. Wie ein Drachen fliegt sie so um mich herum und schlussendlich hat sie mir doch ein wenig Verständnis für diese Form der künstlerischen Darstellung vermittelt.
Wir kommen am Strand vorbei. Die Felswand erstreckt sich hier natürlich geschaffen einige Schritt in die Tiefe, bevor der gelbe Sand beginnt und langsam über einige Baumlängen im Blau des Meeres verschwindet. Die untergehende Sonne färbte das Meer in ein sattes Spiel von Farben.
„Ist es nicht schön?“ fragt sie mich und stützt sich an der Mauer ab. Sie blickt verträumt auf das Meer hinaus.
Ihr Antlitz wird von der Sonne beschienen. In ihren Augen kann man erahnen, dass sie nun gerade sehr weit weg ist. Ihre Gedanken wurden wohl vom kühlen Wind davongetragen. Zu anderen Ufern.
Ich blicke über den Strand hinweg, wo ein Kind einsam und verlassen der Sonne entgegenblickt, auf das Meer hinaus.
Der Geruch des Meeres, salzig und frisch, steigt mir in die Nase und ich fühle mich frei. Frei und ungebunden. Hier kann man es aushalten. Die Ruhe liegt nicht nur über dem Meer, nein auch die Hektik in der Stadt nimmt stetig ab. Man sitzt hier noch bei einem Kaffee beisammen und erzählt sich vom Tag oder geht spazieren, so wie wir beide.
Ich schaue rüber zu ihr. Sie schaut immer noch auf das Meer, aber nun ist sie wieder im Hier und Jetzt. Sie scheint den Wind in ihren Haaren zu genießen. Wie ein listiger Minnegeist huscht der Wind in ihr Haar und tobt durch das Gewirr von Locken.
Sie blickt zur Seite und mich an. Und da sind sie wieder. Diese braunen Augen, welche einem ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit geben. Es fühlt sich so an, als läge ich schön eingepackt in meinem Bett. Nichts und niemand kann mir hier etwas tun, genau so fühlt es sich an, wenn ich ihr in die Augen blicke. Ein liebevolles Lächeln umspielt ihre Lippen und ihre Augen huschen von meiner Nase zu meinen Augen, von meinen Augen zu meiner Stirn. Sie scheint mich eingehend zu beäugen.
„Ääärhrhrm“ räuspere ich mich „wir sollten vielleicht weiter gehen.“ Ein kleines Nicken ihrerseits lässt uns beide zusammen weiterziehen.
Wir laufen die Promenade entlang, einmal die gesamte Länge bevor wir uns wieder in die Stadt begeben. Wir plaudern noch über alltägliche Dinge, wie das Wetter und wie es mir hier so gefällt bisher und ob wir nicht Mal zusammen lernen wollen. Ich erzähle ihr, dass sie dann ruhig zu mir kommen könnte, denn bei mir ist niemand.
„Wie? Du bist alleine?“ fragt sie verwirrt.
„Ja, meine Eltern sind beide nicht da. Meine Mutter macht irgendwo auf der Welt irgendwelche Fotos und mein Vater versucht irgendwo anders auf der Welt irgendwelche Unternehmen zu übernehmen oder irgendwie so was.“ teile ich ihr wahrheitsgemäß mit.
„Und wer macht dir etwas zu essen?“ fragt sie, als wenn dies ihre einzige Sorge wäre. Ich muss kurz lachen.
„Ich mich selbst?“ gebe ich belustigt und fragend zurück. Mit einem anerkennenden Nicken bleibt sie stehen.
„So, hier wohne ich.“ Es ist ein Reihenhaus. Nicht sehr groß, aber es sieht gemütlich aus. Im Garten davor steht ein Kirschbaum, dessen braungraue knorrige Borke faltiger aussieht, als jedwedes Gesicht alter Menschen. Die ersten Blumen recken bereits ihre Köpfchen empor und so beginnt der Kreislauf des Lebens wieder von vorne.
Ich reiche ihr ihre Tasche und sehe mich um. Ich habe keine Ahnung in welche Richtung ich muss, damit ich nach Hause komme. Ich frage Takara-chan, wie ich denn am besten von hier aus zu mir komme. Sie schaut mich an und beginnt zu lachen.
„Du willst mir nicht erzählen, dass das hier nicht dein Heimweg ist?“
„Nicht wirklich, aber ich dachte mir, dass es netter wäre mit dir zu laufen und so habe ich doch auch noch etwas von der Stadt gesehen.“
Sie erklärt mir den Weg und ich stelle fest, dass ich in die komplett andere Richtung gelaufen bin. Nun denn. Mit den Informationen mache ich mich dann auf den Heimweg. Ihre Beschreibung war sehr genau und so komme ich dann irgendwann zu Hause an. Die Sonne ist bereits vollkommen untergegangen und ich entzünde das Licht in dem Haus. Im Wohnzimmer höre ich meine Schritte auf den kalten Fliesen wiederhallen und ich merke wie einsam das Haus wirkt. Weniger Raum würde es auch tun, aber meine Eltern mögen es geräumig, damit sie sich aus dem Weg gehen können. Und auch mir.

Dieser Beitrag wurde unter Anders, Gedanke, Gefühl, Geschichte/ Erzählung, Gesellschaft, Jahreszeit, Kommunikation, Kurios, Mensch, Umwelt, Uncategorized, Zukunft, Zwischenmenschliches abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Aufwiedersehen (10)

  1. Kiira schreibt:

    Schön geschrieben :- ) Ich hoffe, dass die Kleine noch öfter vorkommt, an der sie da so vorbeigegangen sind .. . Und die Idee, wie die Sonne die Welt sehen könnte, bzw. die Menschen, die auf ihr leben, fasziniert mich.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s