Verbunden bis in die Unendlichkeit

Ich bin der Meinung, dass wir Menschen zu kleingeistig sind. Wir denken zu oft nur von heute bis Morgen, von der Haustür bis zum Gartenzaun und von einem Selbst bis zur Schwiegermutter (insofern man diese leiden kann), ebenso denken wir nur von unserer Geburt bis zum Tod. Alpha und Omega. Wir denken nur so weit wie wir schauen können, alles andere rückt für uns aus der Betrachtung. Sicherlich ist dies auch nicht gänzlich verkehrt, ich selbst kann mich auch nicht zeitgleich mit den Konflikten im Iran beschaffen und dann noch die Sexismus-Debatte in Deutschland verfolgen, während ich mir die Fußnägel schneide und dann noch im Radio hören, dass in Indien eine Studentin auf schlimmste misshandelt wird, doch etwas mehr Weitsinn und Engagement wäre wünschenswert. Wir denken nur an uns, an unsere eigene Existenz, an unseren eigenen Vorteil, an unser eigenes Wohlbefinden, aber denken wir auch mal andere und anderes? Sicherlich muss es zunächst uns selbst einigermaßen gut gehen, bevor wir in der Lage sind anderen zu helfen, wenn ich eine Grippe habe, helfe ich anderen Leuten nicht beim Umzug, die Gefahr, dass ich dabei zusammenklappe und dass ich jemand anderen anstecke sind zu groß und damit wäre niemanden geholfen.

Jede Interaktion, die wir führen, jede noch so kleine Begegnung und sei es nur ein flüchtiges Lächeln hinterlassen etwas von uns bei anderen, was wir doch so oft nicht vermuten. Beispielsweise lächelt man morgens eine Frau im Vorbeigehen an, die daraufhin geschmeichelt und durchaus zufrieden zur Arbeit geht und dort trotz eines motzenden Chefs die Ruhe bewahrt und das wegen eines Lächelns. Wir sind uns doch oft nicht bewusst, was wir für einen Einfluss auf andere haben und seien diese Einflüsse noch so gering. So sitze ich in einem Seminar als einziger, niemand ist dort, außer dem Seminarleiter und mir, er freut sich das zumindest überhaupt jemand gekommen ist. Trotz der geringen Teilnehmerzahl trägt er vor und ich stelle Fragen. Wir unterhalten uns, vertiefen das Thema und gelangen zu neuen Höhen. Er und ich bedanken uns für die nette Unterhaltung. Er scheint zufrieden zu sein und ich ebenso. Wäre er auch so zufrieden gewesen, wenn fünfzig Leute dort gewesen wären, von denen niemand etwas gefragt hätte? Man weiß es nicht, aber wir habe somit eine Verbindung.

Mit dem Tod endet möglicherweise unsere Existenz, aber unser Einfluss unser Wirken auf dieser Welt und mag er noch so gering sein, bleibt bestehen. An dieser Stelle möchte ich gerne einen Satz meines Urgroßvaters auspacken. Ich habe ihn nie kennengelernt. ich weiß nur von meiner Großmutter, dass er ein Florist war und im Krieg dienen musste und auch in Gefangenschaft war, aber sie sagte mir immer, dass er sagte: „Gut hören kann ich schlecht, aber schlecht sehen kann ich gut.“ Und ich werde euch nun schön versprechen können, dass dieser so absurde Satz vorbestehen wird. Nicht nur in mir, nein auch in meinen Kindern, denn ich werde ihnen diesen Satz sicherlich das ein oder andere Mal aufsagen. Somit sollte es doch ersichtlich sein, dass auch Dinge von nicht so bekannten Menschen, die Endlichkeit überdauern.

Somit werden meinen Kindern noch mit den Worten meines Urgroßvaters, den ich selber nie kannte, verbunden sein. Wir sind alle miteinander verbunden auf eine wundersame Art und Weise, die auch die Endlichkeit hinter sich lässt. Wir sind verbunden bis in die Unendlichkeit.

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2 Antworten zu Verbunden bis in die Unendlichkeit

  1. Sherry schreibt:

    Das ist ein großartiger Artikel, Mr. Winterschein. Es ist wirklich so. Wir haben noch weit über viele Generationen hinaus Wirkung, wenn nicht sogar für immer. Eine kleine Bewegung kann andere Folgeeffekte bewirken. Das Beispiel mit dem Anlächeln einer Frau, die ihr Hoffnung und Mut gibt, ist genau so eine Sache, an die ich glaube. Deshalb bin ich auf der Straße sehr oft nett zu anderen, ich grüße und lächle. Und wenn ich sehe, dass jemand weint oder scheinbar Hilfe braucht, schaue ich nicht weg. Ich weiß, dass sich das weitertragen wird. Wir könnten die Welt wirklich zu einem besseren Ort machen.

    Und die Verbindung zwischen deinem Ur-Großvater und deinen Kindern – auch dieses Beispiel ist wunderschön.

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Danke, dass ist sehr lieb von dir. Mir liegt dieses Thema seit kurzer Zeit wieder sehr an Herzen. Ich hatte es vor langer zeit für mich entdeckt und nun wieder. Es ist ein großer Teil der buddhistischen Lehre und lässt sich ebenso auch in anderen Religionen finden. Auch wenn ich nicht an diese Dinge glaube, so muss ich doch zugeben, dass dieser Aspekt doch ein sehr wichtiger ist und uns alle sehr viel mehr beschäftigen sollte.
      Ich bin auch der Meinung, dass die Filme „Cloud Atlas“ und „360“ diese Thematik sehr gut aufgreifen. Beides gute Filme, meiner Meinung nach^^.

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