Im Keller

Ich gehe einige Treppen hinunter. Die Wände sind kalt und feucht. Leichter Geruch von Nässe ist zu vernehmen und immer mal wieder tropft von der Decke etwas Wasser auf mein Haupt. Die Treppen sind aus blanken Stein und lassen jeder Schritt wiederhallen. Die Wände sind wegen der Feuchtigkeit stellenweise von Moos übersät. Der Abstieg dauert eine Weile. Das monotone Hallen meiner Schritte von den Wänden lässt eine zuweilen vergessen, wie tief man bereits in das Erdreich vorgedrungen ist. Doch ich muss nachschauen. Nachschauen, ob er noch immer dort unten ist. Die Treppe endet vor einer Tür. Sie ist mit Metallbeschlägen verstärkt und ein kleines Gitterfenster ist mittig angebracht. Das Holz der Tür ist stabil und noch nicht vom Wasserdampf in der Luft beschädigt. Der Schein meiner Fackel erhellt den folgenden Raum nur unwesentlich doch ich kann den Bündel erahnen, dessen Weg mich hier hinter geführt hat. Ich rüttele an der Tür. Sie ist stabil. Das Bündel zuckt. Scheinbar hat es mich nun erst wahrgenommen. Ich habe mich versichert, dass es nach wie vor gut weggesperrt ist und keinen Schaden mehr anrichten kann und so setze ich meinen Weg nach oben an. Ich trete auf die erste Stufe und vernehme von hinter mir ein Gemurmel. Es windet sich leicht in meine Gehirnwindungen und säuselt mir ein, dass ich es doch befreien sollte. Es frei lassen! Doch nein, ich muss standhaft sein. Es hat mir bereits einmal sehr viel Schaden zu geführt. Es gehört weggesperrt! Versiegelt und vergessen, bis zum Ende aller Zeiten. Voller Wut und Zorn wände ich mich um und trete gegen die Tür. Das Bündel weicht von der Tür zurück und fällt zu Boden und wimmert.
Es scheint Angst zu haben. Hätte ich vermutlich auch, wenn ich hier unten säße und nichts sehen würde. Wenn ich umfangen wäre von der Finsternis und dem unhörbarem Nichts. Ja, dann ginge es mir vermutlich auch so. Nichtsdestoweniger soll es hier unten Vergammeln bis zum Letzten Tage. Soll es hier verweilen bis über die Zeit meiner Selbst hinaus und über seine Taten nachdenken. Nachdenken darüber, was es mir angetan habe. Aber, was tue ich ihm nun an. Ich habe es eingesperrt, gefesselt und geknebelt. Ihm jedwedes Sonnenlicht geraubt und ihm jede Form der Kommunikation abgeschrieben, welches Recht habe ich dies zu tun? Ich atme tief durch. Mein Gewissen meldet sich zu Wort und macht mir deutlich, dass mein Verhalten nicht sehr löblich ist. Es ist geradezu erschreckend grausam, wie ich mit ihm umgehe. Ich greife in meine Tasche und krame nach dem Schlüssel. Das klirren der Schlüssel in meiner Hand lässt das Bündel kurz inne halten bevor es sich winselnd versucht davon zu machen. Ich schließe die Tür auf und gehe zu dem armselig dreinblickenden Häufchen Elend hinüber, welcher nun bedauerlich an der Wand lehnt, als wolle es einen darum bitte ihm nichts zu tun. Ich teile ihm mit, dass ich ihm nichts antun werde, doch das Geräusch eines Dolches, welcher aus seiner Scheide gezogen wird, macht ihm Angst. Es beginnt zu zappeln. Ich versuche unter größten Kraftanstrengungen die Fesseln und Leinen zu durchtrennen und es zu befreien. Nach einem wilden Kampf, bei dem ich es nicht verwunden wollte, habe ich es geschafft seine Einschränkungen von ihm zu nehmen. Es wühlt sich aus dem Wust von Bändern und Bandagen und hervor kommt sie, meine Erinnerung. Ich wollte sie eigentlich für immer hier unten lassen. Ich stecke den Dolch weg und reiche ihr die Hand. Sie ergreift diese und ich verspüre den Schmerz, welchen ich damals schon vernommen hatte. Ich schließe die Augen und vor meinem inneren Auge spielt sich die Szene erneut ab. Ich atme durch und mir wird klar, dass ich lernen muss damit umzugehen. Es nützt mir nichts meine Erinnerungen zu verschließen und sie wegzusperren. Ich muss mit ihnen leben und sie annehmen und akzeptieren. Schließlich sind sie ein Teil von mir. Ich mache mich daran die Treppen empor zu steigen. Nach schier nicht enden wollenden Treppen erblicke ich das Licht am Ende des Korridors.

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