Innereien des Lebens

Kapitel 0.1
Ich bin in einem dunklen Raum. Die Wände scheinen jegliches Licht aufzusaugen, wie ein schwarzes Loch jeglich Materie verschlingt. Ich sitze auf einen alten Holzstuhl mit hoher Lehne, er ist an einen Tisch gerückt, welcher von einem Licht an der Decke beschienen wird. Meine Arm ruhen auf den harten Lehnen, während ich das knorrige Holz unter mir spüre. Der Tisch vor mir ist aus einem riesigen Stein geformt worden. Die Oberfläche ist vollkommen eben. Keine Unebenheit ist zu erkennen und so liegt der graue Stein mit seiner schwarzen und weißen Maserung vor mir. Kontrastreich heben sich goldene Teller und Besteck von dem grauen Gestein ab. Weinkelche und Krüge mit nicht näher bestimmbaren Inhalt. Schüssels und Platten mit allerlei Speisen, von einem Sparnferkel mit einem glänzend roten Apfel im Maul, über Meeresfrüchte aller Art bis hin zu exotischen Früchten aus aller Herren Länder.
Und mir gegenüber sitzt er. In einem hohen imposanten Lehnstuhl, dessen Lehne ihn bei weitem überragt sitzt diese alte knorrige Gestalt. Sein Gesicht ist spitz. Das Kinn nach vorne weg spitz zulaufend. Die Nase länglich und reisig wie der Schnabel eines Vogels. Die Augen in ihren tiefen Höhlen wirken wach und anwesend. Die Haare schwarz kurz und in die Luft gerichtet. So blickt er mich feist grinsend an. Seine kochigen Finger sind schlank und lang, wie Äste eines alten Baumes. Jedes Gelenk tritt deutlich hervor. Insgesamt wirkt es so, als hätte er sich die braune ledrige Haut wie einen Mantel übergeworfen. Und außer dieser Hat trägt er nichts. Unter seiner Haut zeichnen sich die Rippen überdeutlich ab, wie Treppen einer Stufe. Die Bauchgegend wirkt so, als wären sämtlich Innereinen verschwunden und so kommt es einem so vor, als würde die Haut an dieser Stelle fast die Innenseiten der Wirbelsäule berühren. Er lässt die strahlend weißen Zähne kurz aufblitzen, um dann zum Gespräch anzusetzen.
„Ah, wie schön, dass du wieder hier bist.“ begrüßt er mich unheilvoll grinsend und hebt die Arme so, dass sich seine Fingerspitzen vor seinem Gesicht berühren. Elle und Speichel sind gut in seinen Unterarmen auszumachen, da die ledrige Haut hier tiefe Falten aufweist.
„Iss und trink! Es soll dir an nichts mangeln.“ sagt er und lächelt mir zu. Doch ich verziehe keine Miene, kein Muskel bewegt sich. Er blickt mich lange unverwandt an. Die weißen Augäpfel mit diesem nachschwarzen Punkt in der Mitte scheinen jeder meine Reaktionen erahschen zu wollen, doch ich bleibe reglos sitzen. Kurz blickt er auf den Tisch als würde er nachdenken. Seine Hände verbergen den Blick auf ihn, wie das Astwerk eines alten Baumes, dann hebt er den Kopf erneut und sagt:
„Falls du denkst, dass ich dich vergiften will, dann irrst du.“ Er greift einen der Krüge, füllt die rot glänzende Flüssigkeit in seinen Kelch. Geräuschvoll setzt er den Krug ab und greift seinen Becher und führt ihn zu seinen schmalen Lippen. Er setzt an, öffnet den Mund und kippt das Nasse in sich hinein. es macht nicht den ANschein als würde er schlucken, stattdessen rinn die Flüssigkeit einfach seine Kehle hinab. Etwas läuft ihm aus dem Mundwinkle und seinem Hals hinab. Dabei hinterlässt sie eine rötliche Spur, welcher man hinab bis zur Brust folgen kann ehe sie ihre Reise beendet. Mit einem Klirren stellt er den goldenen Kelch ab. Blickt mich an und hält unverwand am Kelch fest.
Stille kehrt ein. Von irgendwoher ist das Ticken einer alten Uhr zu hören, gemischt mit dem Schwingen des Pendels. Einige Zeit lausche ich dem Geräusch, welche dann von seiner kalten Stimme durchbrochen wird.
„Ich verstehe, du befürchtest zu gleich, dass ich auch diese Köstlichekeiten hier ebenfalls vergiftet habe.“ und er macht eine ausschweifende Geste über die Speisen.
„Wenn dem so ist, dann werde ich dir beweisen, dass du falsch liegst.“ Er nimmt sich eine Traube, zerdrückt sie mit den Fingern und der Saft rinnt seinen Finger entlang, windet sich um die Gelenke ehe er einen Weg hinunter findet. Er betrachtet das Obst und wirft es sich in den Rachen. Er neigt den Kopf nach hinten und scheinbar fällt die Traube in die Dunkelheit seines Inneren. Er greift zum Messer und schneidet sich mit dem goldenen Besteck ein Stück des Ferkels ab. Das Bratenfett klebt an der Schneide und mit zwei Finger packt er das Stück Fleisch und wirft es sich wie zuvor in den Schlund, wirft den Kopf nach hinten und ich höre ein dumpfes Platschen. Weitere Speisen wirft er sich ein und jedes Mal schmeißt er seinen Kopf nach hinten. Als er fertig ist, ist nichts mehr da, was man essen könnte. Das Gerippe des Sparnferkels liegt unheilverkündent auf der goldenen Platte, das Gehäuse des Apfels in seinem Inneren. Von den Meeresfrüchten sind nur noch die Schalen übrig geblieben, welche fein säuberlich ineinander geschachtelt sind. Vom Obst sind nur noch Schalen und Reben übrig geblieben, welche von Kernen drappiert sind. Finster blickt er mich an.
„Zufrieden?“ fragt er genervt. Ich sage nichts.
„Irgendeine Reaktion musst du mir gegenüber erbringen!“ ruft er über den Tisch und springt auf, die Hände auf den steinernden Tisch gestützt. Ich sehe dort an der Stelle seines Bauches eine große Wölbung, welche sich leicht auf und ab bewegt.
Ich stehe auf. Der Stuhl scharrt über den schwarzen Boden und das Geräusch hallt von den Wänden zurück.
„Ich gehe nun.“ sage ich und verschwinde in der Dunkelheit.

Kapitel 0.2
Wie das penetrante Heulen des Nachbarhundes lärmte es in meinen Ohren. Immer wieder dieser Alarmton, welcher mich Morgen für Morgen aus meinem Schlaf reist. Ich versuche meine Lider zu öffnen, doch irgendwie ist es so, als hängen an diesen Deckenbeschwere, welche sie nach unten ziehen. Die Anstrengung ist geradezu unterträglich und dennoch schaffe ich es unter all der mir zur Verfügung stehenden Kraft sie zu öffnen. Ich erblicke mein Zimmer, welches im Halbdunkel darliegt. Der Spalt zwischen Gardine und Wand lässt etwas maues Licht in das Zimmer gleiten, wie Wasser, welches unaufhaltsam hineindringt. Und all dies wird akustisch begleitet durch mein Handy, welches immer noch diesen abartigen Ton von sich gibt. Für meinen Verstand fühlt es sich an, als würde jemand langsam und genüsslich versuchen einen dicken alten rostigen Nagel zwischen Zehnagel und Bett zu treiben.
Ich ziehe meinen rechten Arm unter der Bettdecke hervor und prompt überkommt mich ein schaudern und ich stelle fest, dass es außerhalb der Decke fürchtlich kalt ist, so als hätte jemand über Nacht mein Zimmer zum Gefrierschrank erkohren. Ich greife halb benommen zu der Quelle des Lärms. Zwei oder drei Mal greift meine Hand ins Leere, aber dann umfasse ich mein Handy. Ich ziehe es zu mir und halte mir das leuchtende Display vor die Augen. 6:03Uhr heißt es dort auf dem Bildschirm und ich wische mit einer weniger galanten Bewegung über ihn und es stellt den Radau ein. Völlig erschöpft lasse ich meine Arme wieder sinken.
Ich atme ein paar Mal kräftig ein und wieder aus und merke nun wie kühl die Luft um mich herum geworden ist. Die bleiernde Schwere meiner Lider lässt langsam nach, aber ab und an gebe ich nach, um sie dann unter noch größerer Kraftanstrengung wieder zu öffnen. Als ich mich einigermaßen im Reich der Wachen haten kann, überkommt mich ein kräftiges Frösteln. Schnell ziehe ich die Arm wieder unter die Decke und prompt wird es wieder warm. Dennoch Frage ich mich, warum es so furchtbar kalt ist.
Aber dann liege ich da und es so schön warm. Bequem ist es einfach liegen zu bleiben. Sich nochmal umzudrehen und nochmal weiter zu schalfen. Müde bin ich immer noch, aber mein Verstand beginnt träge zu arbeiten, dennoch sugeriert es mir, dass ich noch liegen bleiben könnte. Ich seufze.

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6 Antworten zu Innereien des Lebens

  1. nandalya schreibt:

    Ist der Text wieder nur ein Fragment, oder der Anfang einer längeren Geschichte?

  2. Kiira schreibt:

    Lieber Mr. Winterschein,
    Es ist interessant, dass du die Kapitel mit 0 beginnst. Fungieren sie als Prologe?

    Kapitel 0.1 ist irgendwie unwirklich und gruselig zu gleich. Du beschreibst so genau, dass man sich alles sehr gut vorstellen kann. *Gänsehaut* Es wäre sicherlich gruselig, so einem Mann zu begegnen.

    Kapitel 0.2 kommt mir sehr bekannt vor. Ich finde es schön, wie nah du diese Situation beschreiben kannst und mit welcher Detailliebe. Mir frieren morgens auch immer die Arme, wenn ich sie unter der Decke hervor nehme.🙂

    Liebe Grüße,
    Kiira

    • Mr. Winterschein schreibt:

      Hi,
      Prolog, ja, ich glaube, dass das meine Intetntion war, aber ich mir nicht mehr ganz sicher, wie es weitergehen sollte. Mal schauen, ob ich meine Skizze dafür noch irgendwo habe^^.
      Ja, der Typ ist mir irgendwann mal in den Sinn gekommen und ich musste ihn irgendwie einbauen. Kapitel 0.2: Der Teil im Bett ist, glaube ich, entstanden, als es wieder kühler wurde und ich tatsächlich eines morgens die Arme rausstreckte und es so kalt war^^.

      • Kiira schreibt:

        Hi,
        Das wäre wirklich spannend zu erfahren, wie es weiter geht. Aber wenn dir was anderes im Kopf herum schwebt, kannst du das natürlich auch erst mal niederschreiben.🙂

        Hihi, ist ja lustig! Aber vielleicht macht gerade diese Erfahrung das Kapitel so wirklichkeitsnah!

        Liebe Grüße, Kiira

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