Begegnungen01

Der Stein ist grau. Er liegt dort als hätte er nie etwas anderes getan. Aber so fein und eben. Mit dieser polierten Oberfläche. So war es nicht immer. Irendwann einmal war er schropf und unförmig. Er hatte Ecken und Ranten, wie ein Mensch. Doch nun stellt dieser Stein einen Menschen dar, der durch seine Ruppigkeit nicht mehr hier ist. Dieser Stein soll alle daran erinnern, wie perfekt dieser Mensch war. Doch das war er leider nicht.

Mein Vater liegt hier unter dieser Platte. In goldenen Lettern ist darauf sein Name zu lesen. Es wirkt noch alles so frisch, wenn da nicht die Blätter des Herbstes wären, die in bunten Farben von der Vergänglichkeit berichten. Einer Vergänglichkeit, welcher wir Menschen auch unterliegen und mit welcher wir uns immer zu auseinandersetzen müssen; sei es durch die Veränderungen um uns herum oder durch die grauen Strähnen in unseren Haaren, den Falten in unserem Gesicht, der Gebrechlichkeit der Knochen oder auch einfach der Krankheiten, welchen wir anheimfallen. Und so war es auch hier. Eine tückische Krankheit rafften diesen sowieso schon geschwächten Mann dahin.

Ich kann nicht sagen, dass ich in seinen letzten Jahren viel Zeit mit ihm verbrachte. Es war mir eher ein Graus mit ihm auskommen zu müssen. Es kam mir stets so vor, als sei da ein Fass, welches sich im Laufe der Jahre gefüllt hatte. Und zwar so sehr gefüllt, dass nur noch die Oberflächenspannung alles zusammenhilt. Die Überschwemmung stand also jeder Zeit bevor. Dies war es vermutlich, was es so unerträglich für mich machte. Dieses volle Fass auf meinen Schultern konnte ich nicht noch weiter füllen lassen, da ich sonst unter seiner Last zusammengebrochen wäre. Oder wäre die weitere Füllung des Ausweg gewesen? Wäre die Flut der Ausbruch meiner ganzen Ängste und Sorgen gewesen, welche sich wie schwarzer Samt über mein Sein gelegt hatte? Ich wäre gerne explodiert, aber der Drang alles ruhig und gesittet angehen zu lassen, hinderte mich daran oder sollte darstellen, dass ich etwas Besseres bin als dieser Mann, welcher stets erbost war, über die geringsten Kleinigkeiten. Haltlos über eine hinwegfegt, wie ein Tronado und nur die Gerippe einer Exzistenz zurück ließ.

Doch nun stehe ich wieder vor ihm und mich umfängt eine merkwürdige Mischung aus Wut und Versagen. Wut darüber, dass er sich hat so einfach aus dem Staub gemacht und Versagen, dass ich es nie schaffte, ihm die Stirn zu bieten und ihm dieses Fass über dem Kopfe auszuschütten. Sollte er doch daran ertrinken, was er mir antat und sollte er doch spüren, welche Last er mir auftat. Sollte ihn doch diese Last erdrücken und zu Boden ringen – etwas das ich nie konnte. Sollte er doch vernehmen, welche Lasten er mich hat tragen lassen und sollte er doch auch spüren, dass ich irgendwie, vielleicht nicht gut, mit dieser Last fertig wurde. Würde er auch mit diesem Schwall von Wut und Ärgernis fertig? Könnte er es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde ertragen. Könnte er auch nur im Ansatz begreifen, welche Leiden es für mich bedeutete, all dies aufzunehmen? Ich kam mir vor wie ein Schwamm. Ein Schwamm der alles an Wut, Hass, Ungerechtigkeit, Unzulänglichkeiten und unterdrückten Sehnsüchten  und Erwartungen aufnahm und es in seinem Fass auf dem Rücken sammelte. All das schwimmt nun seit Jahren in diesem Fass herum. Was daraus geworden ist, fragst du?   Ein Monster. Eine grotekse Gestalt eines Menschen. Ein Mensch, der nicht in der Lage ist, mit anderen Menschen umzugehen, da er stets irgendwo Erwartungen vermeint wahrzunehmen, welche nie formuliert wurden. Aber er tut dies im gehorsamen Vorauseilen. Daraus soll dann resultieren, dass alles abgewogen wird. Was ist gut, was ist schelcht und was kann ich leisten? Leisten…

Leisten zu tragen und zu ertragen kann ich viel, da ich selbst meine Wünsche und Träume verstaue. Irgendwo tief in dem Fass ist auch eine kleine Kiste, vielleicht auch nur noch die Reste dieser. Dort habe ich meine Wünsche eingelagert und ich komme mir vor, wie ein Taucher, der in unbekannte Welten vordringt, auf der Suche nach etwas, was er noch nicht kennt. In freudiger Erwartung, aber auch in Furcht vor den möglichen Schrecken, die dort in der Tiefe des Fasses lauern. Daher würde ich so gerne dieses Fass nehmen und es über dieses Grab ausschütten. Es leeren, damit es mich nicht mehr belastet. Die Blätter des Herbstes, der Vergänglichkeit, wären fortgespült, denn dein Wesen Vater lebt in mir weiter. Und dies ist nicht zum Guten gemeint.

Nun gut Vater, dann will ich dir nun auf Augenhöhe begnen und dir sagen, was ich durch dich erdulden musste. Welche Qualen du mir in den Jahren bereit hast. Ich will dir sagen, dass du kein toller Vater warst. Dass du viel gemacht hast, aber nichts für mich. So fern wie wir uns waren, da hättest du auch mein Nachbar sein können. Du wusstest nichts von mir und ich von dir. Ein Fremder warst und bist du mir im Wesentlichen immer noch. Ein Fremder, der mich zwang ihn zu ertragen. Ein Fremder, dem ich nicht entkommen konnte. Ein Fremder, mit dem ich niemals eine Bekanntschaft eingegangen wäre. Ein  Fremder, vor dem ich stets flüchtete, um seiner Gegenwart nicht ausgesetzt sein zu müssen. Du warst ein Idiot, ein Arsch und zu allem Überfluss auch noch ein Süchtiger, was mir das Leben nicht erleichtert hat. Wenn man weiß, dass dieser Vater, dieses Vorbild, regelmäßig besoffen ist und es zu diesen Zeiten im Haus drunter und drüber geht, als sei ein Wirbelwind höchstpersönlich vorbeigekommen, sorgt dies nicht gerade für eine angenehmen Atmosphäre. Aber du wolltest das Alles nicht erkennen. Du wolltest nicht wahrhaben, dass du flüchtest vor der Realität, in welcher es Menschen um dich herum nicht gut geht und dies nicht, wegen der Situation, sondern wegen dir! Stattdessen bist du davor geflüchtet und durch diese Flucht hast du das Feuer angefacht, welches das Wasser in meinem Fass noch zusätzlich zum Brodeln brachte. Doch leider konnte ich es damals nicht als Antreib nutzen, um dir die Fresse zu polieren. Stattdessen liegt hier nun nur noch diese hübsche Platte, welche die einzigen Überreste von dir markieren. Zertrümmern würde ich es gerne, doch da kommt dann wieder der Drang durch ordentlich zu sein. Etwas das du nicht zeigtest. Denn ordentlich und fair hast du dich nicht verhaltet. Aber nun kannst du nicht mehr anders als ein Häufchen Staub zu sein. Wenn ich also dieses Fass über dich ausschütte, würden sich deine sterblichen Überreste in dieser Menge aus Flüssigkeit auflösen, so dass nichts sichtbares mehr von dir bleibt, so viel trage ich deinetwegen mit mir rum! Aber reichen würde es leider nicht, die Erinnerungen an dich zu tilgen und meine Wünsche in dem Fass zu finden. Denn diese fühle sich im Laufe der Jahre so fremd an. So als wären sie nicht meines. Ich habe versucht die Wünsche anderer um mich herum zu lesen und zu erfüllen, dass ich ganz vergessen habe, wie sich die eigenen anfühlen. Ich habe alles an Gefühlen, Ängsten, Wünschen, Erwartungen und Träumen verstaut und hinten ran gestellt, um zu zeigen, wie ein erwachsener Mensch oder auch Mann in meiner Vorstellung eigentlich agieren sollte. Ich woltle dir ein Spiegel vorhalten, welchen du stets wieder zugehängt hast mit dem schwarzen Samt und ich mich nicht gesehen vorkam. So als wäre ich in diesem zugehängten Spiegel gefangen, fühlte ich mich machtlos und unfrei. Unmöglich aus diesem Rahmen auszubrechen, den ich mir dummerweise selbst gab, um dir ein Vorbild zu sein. Doch du blicktest nur auf mich hinab, falls du mich überhaupt mal sahst.

Ich sehe nun vieles anders und vielleicht auch klarer. Ich sehe auch, dass ich mich selbst durch dein Verhalten in eine Position gebracht habe, die nicht gut für mich ist. Aber dies wirst du alles nie verstehen und hättest du damals auch nicht verstanden, dafür war dein Verstand nicht ausgelegt. Denn für dich gab es nur dich und deine Sorgen, welche du nicht nach Außen dringen lassen wolltest. So ein Blödsinn. Sie schlugen Wellen, aber niemand tat etwas und so kam ich dem Untergang immer näher. Das hast du echt toll gemacht Vater! Ich hoffe, dass du einen Teil dieser Dinge bereutest und nur zum Stolz warst, sie anzusprechen. Dein dummer Stolz, welcher dich hat stellenweise so erbrärmlich wirken lassen.

Du siehst oder auch nicht, dass es da viele Dinge gibt, welche das Sein mit dir unerträglich machten und mich stets nach Luft schnappen ließen, welches du mich nicht gabst. Lieber hast du noch etwas Wasser nachgegossen und meinen Kopf in dieses Fass der Unerträglichkeit gedrückt.

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Eine Antwort zu Begegnungen01

  1. Kiira schreibt:

    Lieber Winterschein,
    Dein Name passt zu den Gefühlen, die du hier ausdrückst. Vielen Dank für deinen Mut uns daran teilhaben zu lassen.

    Das Fass als Bild deiner aufgestauten Gefühle und der Beziehung zu deinem Vater ist interessant gewählt. Es ist ein neues Bild für mich, scheint aber sehr treffend zu sein.

    Darf ich fragen, wie lange er schon tot ist?

    Kiira

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